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Dem Volke dienen

DEM VOLKE DIENEN
Yan Lianke

Ullstein Verlag
Roman - Belletristik
Fester Einband, 208 Seiten - 16.90 EUR
Aug. 2007
Status: Jetzt bestellen

Yan Lianke
Dem Volke dienen
Wei renmin fuwu, erschienen in der Zeitschrift Hua Cheng, China, 2005
Erste Buchausgabe: Servir le peuple, Frankreich, 2004
Ullstein Buchverlage, Berlin, 8/2007
HC mit Schutzumschlag, Belletristik, Satire, 978-3-550-08687-8, 206/1690
Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz
Umschlaggestaltung von Sabine Wimmer unter Benutzung eines Motivs von Jana Renee Cruder/Corbis, Keren Su/Getty Images und eines Fotos von Philippe Picquier
www.ullstein-verlag.de

Zur Zeit der Kulturrevolution wird der einfache Soldat Wu Dawang zur Ordonnanz seines Divisionskommandeurs ernannt. Von nun an muss er sich im Haushalt seines Vorgesetzten nützlich machen. Als dieser auf eine längere Dienstreise geschickt wird, bittet Liu Lian, die viel jüngere Ehefrau des Abwesenden, darum, dass Wu für diesen Zeitraum bei ihr wohnen darf, da sie allein Angst in dem großen Haus hat.
Zwischen den beiden von ihrem Leben enttäuschten Menschen entwickelt sich eine leidenschaftliche Beziehung, die – das ist ihnen bewusst – kein Happy End haben kann. Der Divisionskommandeur, der seine Frau nicht befriedigen kann, wird zurückkehren, und in Wus Heimat warten seine Frau, die ihn nicht liebt, und sein kleiner Sohn.
Obwohl Wu und Liu Lian schlimmste Konsequenzen zu fürchten haben, wenn sie entdeckt werden, können sie nicht voneinander lassen. Die Furcht, Machtspiele, aber auch die ausgelebte Kritik an den Lehren Mao Zedongs und die vorübergehende Illusion von Freiheit üben einen ganz besonderen Reiz auf sie aus.
Dann passiert ein Unglück: Eine Skulptur des Großen Vorsitzenden zerbricht. Das ist ein konterrevolutionärer Akt, der mit dem Tod bestraft wird…

Yan Lianke zählt zu den renommiertesten chinesischen Autoren der Gegenwart. Seine Werke wurden vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Lao-She- und dem Lu-Xun-Preis. Dass seine Romane und Kurzgeschichten zu Recht so viel Beachtung auch im Ausland finden, verdeutlicht seine kritische Satire "Dem Volke dienen".

Yan Liankes Protagonisten sind einfache Menschen, die sich dem Regime angepasst haben, um überleben und vielleicht für sich das Beste aus der Situation herausholen zu können.
Wu Dawang orientiert sich dabei an den wesentlichen Prinzipien, die ihm eingetrichtert wurden: ‚Ich darf nichts fragen, nichts tun und nichts sagen, was mir nicht zukommt’ und muss ‚dem Volke dienen’. Damit kommt er einige Jahre recht gut durch, gilt als Mustersoldat, und die Beförderung zum Offizier ist in greifbarer Nähe. Allerdings blieb ihm dieses Glück bisher versagt, und das bedeutet, dass er den Vertrag, den er mit seinem Schwiegervater und seiner Frau schloss, nicht erfüllen kann. Nur als Offizier ist es ihm möglich, seine Familie in die Stadt kommen zu lassen und seiner Frau eine gute Arbeit zu besorgen. Wu bemüht sich redlich, aber tief in seinem Innern ist er unglücklich, denn seine Frau bringt ihm keine Gefühle entgegen und hat die seinen durch ihr Gewinnstreben abgetötet.
Liu Lian ist mit einem viel älteren Mann verheiratet, der ihr zwar eine geachtete Stellung bieten kann, nicht aber, wonach sich die Mittdreißigerin sehnt. Geschickt nutzt sie die Prinzipien, nach denen Wu sich richtet, um von ihm zu bekommen, was sie will: hemmungslosen, wilden Sex, denn Dienst am Divisionskommandeur bzw. Dienst an seiner Frau bedeutet, "dem Volke dienen". Wu ist nur zu gern bereit zu gehorchen, und die beiden verbringen zwei lustvolle und verrückte Monate, bis sie die Realität einholt.

Der Autor konzentriert sich mit seinen Schilderungen auf diesen kurzen Zeitraum, ergänzt durch Rückblenden, um zu erklären, wie eine solche Entwicklung überhaupt hat zustande kommen können, und durch eine Schluss-Sequenz, die beschreibt, wie das Leben der Protagonisten weiter ging.
Dabei werden erotische Szenen nicht ausgeklammert, doch dienen sie keineswegs dem Selbstzweck, sondern stellen einen natürlichen Bestandteil dieser verbotenen Beziehung dar und versinnbildlichen den Hunger nach Freiheit und Selbstverwirklichung, der durch Gehirnwäsche und strenge Reglementierung unterdrückt wird.
Die Ereignisse werden in der dritten Person und aus der Sicht Wu Dawangs erzählt, der trotz seiner Ausbrüche dem Leser sympathisch ist. Das Leid der Protagonisten steht stellvertretend für viele andere Menschen in vergleichbaren Situationen – so verrät schließlich ein Vorgesetzter, dass auch er einem erniedrigenden Vertrag mit seiner Frau und dem Schwiegervater hatte zustimmen müssen.

Sprache und Stil des Autors sind schnörkellos, aber anspruchsvoll.
Indem er die Lehren Maos mit all ihren bizarren Auswüchsen in den Mittelpunkt seiner Geschichte rückt und sie kritiklos zu einer Selbstverständlichkeit macht, schafft er es, dem Leser die Absurdität all dieser Leitmotive vor Augen zu führen und die Doktrinen schärfer anzugreifen, als es durch eine Parodie, Übertreibungen o. ä. Mittel möglich gewesen wäre.
In diesem Gesellschaftssystem, das Yan Lianke anprangert, zählt das Individuum wenig. Nach außen hin geht es in der Masse auf und hält sich an die Parolen, doch in Wirklichkeit sehnt sich jeder nach Freiheit, der Wahrung seiner Rechte, Respekt und persönlichen Erfolgen. Die Konsequenz aus dieser Unvereinbarkeit von menschenverachtenden Vorschriften und natürlichen Wünschen sind Mauscheleien, Vetternwirtschaft, Korruption und vor allem tragische Schicksale.

"Dem Volke dienen" zieht in den Bann durch den unverblümten Realismus und die subtile Kritik. Wer anspruchsvolle, zeitgenössische Unterhaltung zu schätzen weiß, darüber hinaus an Politik und Kultur interessiert ist, der wird von diesem Buch nicht enttäuscht.



15. Okt. 2007 - Irene Salzmann

Der Rezensent

Irene Salzmann
weiblich Deutschland

Total: 902 Rezensionen
Juli 2010: 8 Rezensionen

Irene Salzmann, Jahrgang 63, verheiratet, drei Kinder, studierte mehrere Semester Südostasienwissenschaften und Völkerkunde an der LMU München. ...
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