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Fettsack
FETTSACK
Rex Miller
Edition Phantasia
Roman - Mystery-Thriller
Taschenbuch, 256 Seiten - 15.90 EUR
ISBN: 9783937897301
Mai. 2008, 1. Auflage
Status: erhältlich
Mit “Fettsack” legt die Edition Phantasia den ersten Roman aus der Feder Rex Millers in einer ungekürzten Neuauflage vor. „Slob“ ist schon 1991 unter dem Titel „Im Namen des Todes“ im Bastei Verlag veröffentlicht worden. Gleichzeitig handelt es sich um die erste Romanveröffentlichung des 1939 geborenen Rex Miller Spangbergs. Für dieses Debüt ist Miller mit dem Bram Stoker Award ausgezeichnet worden. In „Slob“ führt er den psychopathischen Massenmörder Daniel Bunkowski ein. In den nächsten Jahren folgen noch vier weitere Romane um den „Fettsack“. Mit dem auf Serienmörder spezialisierten Detektiv Jack Eichord entwickelte Miller eine zweite, sehr populäre Figur. In den sechziger Jahren agierte Spangenberg als populärer Disk Jockey. Er galt als Experte insbesondere im Bereich von alten Radioprogrammen und amerikanischer Popkultur- Trivia. Am 21. Mai 2004 ist Rex Miller in Sikeston, Missouri gestorben.
Miller hat den Roman 1987 geschrieben. Aus heutiger Sicht muss der bekannte und stringent rasante Plot eines Polizisten, der einen brutalen exzentrischen Massenmörder jagt eher altbacken und insbesondere auch in Hinblick auf die Fortsetzungen zweifelhaft konstruiert wirken. Versetzt sich der Leser allerdings in das Jahr 1987 zurück, befand sich dieses Genre noch in seiner Entstehung. Stephen King feierte mit seinen Horrorromanen große Erfolge, aber auf Serienkiller hat er verzichtet. Thomas Harris hat von vielen unbeachtet 1981 „Roter Drache“ geschrieben, der sechs Jahre später von Michael Mann unter dem Titel „Manhunter“ verfilmt worden ist. „Das Schweigen der Lämmer“ erschien ein Jahr später, die Bahnbrechende Verfilmung durch Jonathan Demme mit dem Oscar als besten Film folgte vier Jahre später. Erst mit diesen Erfolgen haben Autoren und Verlage erkannt, wie stark perverse Massenmörder auf das Publikum eine auch kommerziell sehr erfolgreiche Wirkung ausüben. Was die letzten zwanzig Jahre gut überstanden hat und in der Neuübersetzung durch Joachim Körber deutlich besser zur Geltung kommt, ist Rex Millers neorealistischer Stil, seine in einzelnen Passagen des Buches fast erdrückende Wut auf die amerikanische Gesellschaft, in welcher das Verbrechen sich mehr und mehr ausbreitet. Im Gegensatz zu Autoren wie Shaun Hutson, die in ihren letzten Romanen Millers Weg nachvollzogen haben, agiert der Amerikaner auch bei seinem Erstling als eiskalt kalkulierender Profi. Viele Szenen sind mit maximalem Effekt bei minimaler plottechnischer Auswirkung geschrieben worden. Dazu gehört Miller zu den Autoren, die brutale Verbrechen auch detailliert beschreiben und für die Gewalt im Leser einen bitteren, abstoßenden Nachgeschmack hinterlassen soll. Das er dabei mehr als einmal die Grenze zur Gewaltpornograhie überschreitet und vor allem im Vergleich zu Andrew Vacchs, der aus seinem Rechtsanwaltleben in New York den Stoff für seine Burkeromane zieht, grotesk übertreibt, muss expliziert erwähnt werden. Wie in Vachss Romanen gibt es keine klassischen Helden. Die Grenze zwischen Verbrechern und Detektiven ist ein schmaler Grad, der insbesondere von den Ordnungshütern mehr als einmal überschritten wird, um gleiches mit gleichem zu vergelten. Diese nihilistische Einstellung in Kombination mit der schockierend abstoßenden Gewalt rücken Millers Romane cineastisch gesprochen in die Nähe des Exploitationkinos. Miller geht es weniger darum, eine ausgefeilte, kriminaltechnisch gut geplante Geschichte zu erzählen, sondern drastisch mit einfachen, effektiven und nachhaltigen Worten beschreibt er die Konfrontation zweier extremer Charaktere. Rex Miller stellt niemals im Verlaufe seines Buches in Frage, das er im Grunde eine Pulpgeschichte mit den beschränkten Möglichkeiten dieses Subgenres erzählt. Sein Roman hat Biss, er ergötzt sich aber auch nicht am Leid der oft unschuldigen Opfer. Diese ernsthaftere Einstellung hebt Millers Buch aus der Masse der ausschließlich sadistisch angelegten minderen Thriller heraus. Hier treffen raue, expressiv ausgedrückte Emotionen aufeinander, in den urbanen Dschungeln der Großstadt, in denen sich jeder selbst der nächste ist. Schon die Anlage seiner beiden Protagonisten zeigt, dass Miller nicht alles wirklich ernst nimmt. Noch eher klassischer ist der Polizist. Jack Eichord ist – wie es sich für diese Art von Romanen gehört- ein ehemaliger Alkoholiker, der sich über viele Jahre einen soliden, aber nicht herausragenden Ruf als Profiler und Ermittler bei Serienmorden erworben hat. Miller beschreibt ihn als nüchternen Menschen, der allerdings in seiner pragmatischen und direkten Art auch rücksichtslos erscheinen kann. Im Verlaufe seiner Ermittlungen im vorliegenden Fall kommt er der Angehörigen eines der Opfer näher. Für Eichord verschwimmt damit die Grenze zwischen reinen Ermittlungen und einem persönlichen Interesse. Der Augenfang von Rex Millers erstem Roman ist allerdings der Killer, in der deutschen Ausgabe im Titel treffend mit “Fettsack“ tituliert. Wie auch bei Hannibal Lector hat sich im Verlaufe der insgesamt fünf Romane und einer Comicadaption ein gewisser Kult um Daniel Bunkowski gebildet. Eine fragwürdige Anhängerschaft, wahrscheinlich weil sich der mit einem niedrigen Intelligenzquotienten ausgestatte Egomanne und Psychopath Bunkowski als psychische Manifestation des Todes auf Erden sieht. Mit über 500 Pfund Lebendgewicht und einer Schuhgröße, die Sonderanfertigungen erfordert. Aber mit einem niedrigen Intelligenzquotienten. Während die körperlichen Maße erdrückend sind, geht Rex Miller in Hinblick auf seine Persönlichkeit unnötige und zum Teil nicht nachvollziehbare Kompromisse ein. So wurde Bunkowski als Kind missbraucht, eine nur vordergründige Entschuldigung für die brutalen Taten des Fettsacks. Warum Miller die Vergangenheit seines Antagonisten nicht im Dunklen hält bzw. wie Andrew Vacchs in seinen Romanen dieses Element nur bei den Opfern, aber nicht den noch brutaler als ihre Peiniger werdenden Täter einsetzt, ist eine offene Frage. Wie Rex Miller, der über seine Vietnamerlebnisse einen Roman geschrieben hat, ist Fettsack - im Original Chaingang, weil er oft seit seiner Zeit in Vietnam mit einer überdimensionalen Kette zuschlägt - in den krieg gezogen, wurde gefangen genommen und gefoltert. Zurückkehrt soll er Gerüchteweise für jedes Pfund seines Körpers einen Menschen getötet haben. Im Auftaktroman vergewaltigt er, foltert er und reißt seinen Opfern bei lebendigen Leibe das Herz heraus. In den Großstädten - eine interessante Allegorie zu seinen Einsätzen in Vietnam - versteckt er sich in der Kanalisation. Im ersten Band der Reihe - in den folgenden Romanen verschiebt sich die Perspektive deutlich und leider manchmal in eine eher fragwürdige Richtung - bemüht sich Miller mit jedem Fettsack gewidmeten Satz, ihn als abscheuliche, unmenschliche Kreatur darzustellen und jegliche Identifikationsmöglichkeit des Leser mit ihm teilweise zu Lasten des Plots zu unterbinden. Er hat einen klassischen Antihelden geschaffen, dessen abscheuliche Taten seiner brutale Bestrafung am Ende des Buches mehr als rechtfertigen. Mit der Auferstehung dieser Kreatur in den folgenden vier Romanen folgt er allerdings weniger plottechnischen Notwendigkeiten - das Gegenteil ist der Fall, Fettsack ist am Ende des vorliegenden Bandes so tot wie es geht - noch kommerziellen Interessen. Und damit negiert er einige der soliden Grundlagen des vorliegenden Romans.
Die Jagd auf diesen irren Massenmörder nutzt Rex Miller für eine Reihe sehr spannender Szenen. Mit sehr vielen Details beschreibt er die Arbeit eines Profilers, als dieser Beruf durch die Thomas Harris Bücher bzw. entsprechende Fernsehserie noch nicht so populär gewesen ist. Diesen ruhigen Passagen stehen die übertrieben blutigen Gewalttaten Fettsacks gegenüber. Zumindest schlägt sich Miller auf die Seite seiner Opfer und zwingt seine Leser, ihre Qualen durch intensive Beschreibungen mitzuerleben, fast am eigenen Leib zu spüren. Im Vergleich zu vielen oberflächlichen Thrillern reicht bei Miller der Schmerz über den Tod der Opfer hinaus. Er nimmt sich Zeit, auch den Verlust in den Hinterbliebenen zu beschreiben und beschreibt ihre Reaktionen auf die Greultaten fast klinisch distanziert, aber nicht emotionslos. Die körperliche Unterlegenheit gleicht Eichborn durch seine geistige Überlegenheit aus. Selten ist der Konflikt zwischen Geist und Körper an schockierenden Metaphern als Fettsack oder Eichord dargestellt worden.
„Fettsack“ ist ein roher, absichtlich unfertig wirkender Roman, welcher viele grundlegende Ideen eines Spillane oder eines Jim Thompson intelligent und schockierend zu gleich extrapoliert. Wie die Romane eines Jack Ketchums oder Shaun Hudsons keine bekömmliche, keine einfache Lektüre voller abstoßender Gewalt. Es ist sicherlich kein Zufall, sondern den Gesetzmäßigkeiten des Genres folgend, das aus dem Alkoholiker und gebrochenen Mann Eichord am Ende des Romans kein strahlender Held, aber zumindest wieder ein entschlossener Detektiv wird, der seinen harten Job konsequent und entschlossen bis zum Ende durchgeführt hat. Viele inzwischen zu Klischees gewordene Plotelemente erschienen vor zwanzig Jahren, als das Buch zum ersten Mal veröffentlicht worden ist, noch frisch und sollten ausschließlich aus dieser Perspektive betrachtet werden. Und das sich Rex Millers Roman auch heute noch „unterhaltsam“ fließend lesen lässt, ist ein Beweis für die erzählerische Stärke des Autoren.
20. Jun. 2008 - Thomas Harbach
http://www.sf-radio.net/buchecke/horror/isbn9-7839...
Der Rezensent
Thomas Harbach

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