Main Logo
LITERRA - Die Welt der Literatur
Home Autoren und ihre Werke Künstler und ihre Werke Hörbücher / Hörspiele Neuerscheinungen Vorschau Musik Filme Kurzgeschichten Magazine Verlage Specials Rezensionen Übersicht
Neu hinzugefügt
Rezensenten
Genres
Sammelkategorien Interviews Kolumnen Artikel Partner Das Team
PDF
Startseite > Rezensionen > Irene Salzmann > Krimi > Und jeder tötet, was er liebt
emperor-miniature

Und jeder tötet, was er liebt

UND JEDER TÖTET, WAS ER LIEBT

Buch / Krimi

Christine Westendorf
Und jeder tötet, was er liebt
fredeboldundfischer Verlag, Köln, 1. Auflage: 4/2007
HC mit Schutzumschlag und Lesebändchen, Krimi, 978-3-939674-02-3, 412/1595
Titelgestaltung von Roland Pecher, Köln unter Verwendung eines Motivs von GettyImages, München
Autorenfoto von Dagmar Bressel
www.fredeboldundfischer.de
http://p22451.typo3server.info/christine_westendorf.0.html

Kommissarin Anna Greve kehrt nach einer mehrjährigen Baby-Pause in ihren alten Beruf zurück. Schon ihr Dienstantritt im LKA Hamburg steht unter keinem guten Stern: Man erwartete sie erst für den nächsten Tag, ihr Chef ist ein Karriere süchtiger Chauvinist und der Kollege Weber ein Bekannter von früher, der keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hatte. Darüber übersieht Anna, dass sie sich mit ihrem verschlossenen, gleichzeitig selbstbewussten Auftreten sowie ihrer Kritik am Chef keine Freunde macht.
Auch zu Hause mehren sich Annas Probleme, da sie sich immer weiter von ihrem Mann Tom entfernt und wenig Zeit für die beiden gemeinsamen Söhne hat. Ihr charmanter Schwager Jan, obwohl zehn Jahre jünger, löst außerdem ein großes Gefühlschaos in ihr aus. Um sich dieser Konflikte entziehen zu können, stürzt sich Anna umso mehr in den kniffligen Fall:
Die reiche Esther Lüdersen wurde entführt, doch seltsamerweise blieben Lösegeldforderungen aus. Schließlich taucht ihre Leiche auf, und wenig später gibt es zwei weitere Tote, die offenbar mit dem Mord in Verbindung stehen. Anna und Weber recherchieren, stoßen aber überall auf Mauern. Tatsächlich scheint ihr Chef Alfons Lüdersen zu decken! Erst als dem Witwer illegale finanzielle Machenschaften nachgewiesen werden, kommt der Stein langsam ins Rollen – aber es fehlt immer noch ein Puzzlestück, um Esthers Tod aufzuklären…

„Und jeder tötet, was er liebt“ ist ein Titel, der die Lösung gewissermaßen vorweg nimmt. Man ahnt früh, dass die Verstrickungen tiefer gehen, als es zunächst scheint, und das Motiv mit der familiären Situation des Opfers zu tun hat, was vor allem durch die Tagebuch-Auszüge verstärkt wird. Erfahrene Leser kommen schon dadurch schnell auf die richtige Spur. Allerdings ist der Fall umfangreich angelegt, und es handelt sich um mehr als ein Verbrechen.
Die Krimi-Handlung hält sich die Waage mit den privaten Problemen der Hauptfigur Anna Greve. Nachdem sie über Jahre hinweg ihre eigenen Interessen denen der Familie unterordnete, man ihre Selbstaufgabe als Selbstverständlichkeit nahm, sich Tom gern in den Mittelpunkt stellte und ihr kaum noch zuhörte, bricht sie in allen Bereichen aus: Sie kehrt in den Beruf zurück und überlässt die familiären Pflichten weitgehend Tom und ihrer Mutter, und dann ist da noch Jan.
Diese Mischung macht den Roman zu einem Zwitter, der halb als Krimi, halb als Familiendrama erscheint. In den Augen eingefleischter Genre-Fans ist das weder Fisch noch Fleisch: Für die einen wird der komplizierte Fall zu sehr vom Privatleben der Protagonistin überschattet, das auf den Fall keine Auswirkungen hat, auf die anderen wirken die Recherchen langatmig und zäh, es fehlen die Action-Szenen oder wirklich spannenden Momente.

Man hat das Gefühl, als verarbeite die Autorin gängige – ihre eigenen? - ‚Frauen-Probleme’, mit denen sich nahezu jede Leserin identifizieren kann:
Es ist fast immer die Frau, die ihre Karriere und Träume opfern muss, sobald eine Familie gegründet wird. Lässt man die Kinder von den Großeltern aufziehen oder bringt sie in die Krippe, um weiter arbeiten zu können, gilt man als Rabenmutter. Bleibt man daheim, um die Erziehung und den Haushalt selbst in die Hand zu nehmen, bekommt man den Vorwurf gemacht, man gönne sich das süße Nichtstun. Was man auch unternimmt, es ist falsch.
Im Beruf wird man als selbstbewusste Frau von den männlichen Kollegen oft als Emanze betrachtet, wie ein Störenfried behandelt, beneidet und angefeindet. Unterstützung von Kolleginnen erfährt man eher selten; diese verhalten sich mitunter noch schlimmer. Um sich zu etablieren, muss man mehr leisten bei weniger Einkommen und schlechteren Aufstiegschancen. Man gilt sofort als Karriere süchtig; doch hält man sich zurück, wird man als Zicke abgestempelt, die andere die Arbeiten für sich erledigen lässt. Wieder kann man es niemandem recht machen.
Als Frau über Vierzig erfährt man immer weniger Selbstbestätigung. Männer holen sich diese im Beruf, durch ein Hobby, und sie drehen sich ganz selbstverständlich nach jungen Frauen um, die ihre Töchter und Enkelinnen sein könnten. Würde eine Frau dasselbe tun, statt als Heimchen am Herde zu sitzen, und gar eine Affäre mit einem Jüngeren eingehen, der Skandal könnte kaum größer sein.
Anna Greve setzt ihren Kopf in jeglicher Hinsicht durch und ignoriert die Reaktionen des Umfelds. Nachdem sie die Erwartungshaltung lange Jahre brav erfüllte, denkt sie nun wieder an sich. Als Leserin gönnt man ihr das auch. Viele Männer, denen sie begegnet, entsprechen dem typischen Chauvinisten (Alfons Lüdersen, sein Schwiegervater, der Leibwächter…), der verlangt, dass sich Frauen unterordnen und nach den alten Rollenklischees leben. Dieser Punkt ist die einzige Gemeinsamkeit von Fall und Privatem und führt letztlich auch zur Auflösung.
Das Resümee daraus ist, dass das Übel von den Männern ausgeht, die – von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen – sich nicht einmal die Mühe geben, eine Frau verstehen zu wollen, ihr nicht einmal ein Bruchteil der Freiräume erlauben, die sie für sich selbst beanspruchen, die der Frau eine Rolle aufzwingen, durch die sie als Männer erst recht bestätigt sehen. Und wehe, es klappt nicht, wie gewünscht, dann… siehe Esther Lüdersen.

„Und jeder tötet, was er liebt“ bietet das, was man von einem dramatischen ‚Frauen-Roman’ erwartet, wobei das eigentliche Genre, in diesem Fall ‚Krimi’, eher eine untergeordnete Rolle spielt. Leserinnen dürfen sich mit der Hauptfigur identifizieren und mit ihr aus den von Männern auferlegten Traditionen ausbrechen. Zwar muss Anna immer wieder ihre Ansichten korrigieren, denn so mancher Kollege oder Verdächtige ist besser, als es zunächst den Anschein hat, und auch das Familienleben kann man nicht wegen eines Flirts einfach so aufgeben, aber sie hat sich immerhin die Möglichkeit der Wahl geschaffen – und das ist mehr, als vielen ihrer Leidensgenossinnen in der Realität zugestanden wird. Findet man Gefallen an solchen Themen, wird man bestens bedient.
Wer dieser Art Roman, die ebenfalls ihre Klischees hat (die toughe Heldin, die fiesen Machos, der strahlende Frauen-Versteher…), wenig abgewinnen kann und lieber einen ‚richtigen Krimi’ lesen würde, ist mit einem anderen Titel sicher besser beraten, und es gibt ja auch eine große Auswahl an Lektüren, die ebenfalls starke Frauen-Charaktere in den Mittelpunkt rücken, ohne dass dieses oder das gegenteilige Männer-Klischee übermäßig ausgereizt wird.

28. Aug. 2008 - Irene Salzmann

Der Rezensent

Irene Salzmann
Deutschland

Total: 1065 Rezensionen
August 2014: keine Rezensionen

Irene Salzmann, Jahrgang 63, verheiratet, drei Kinder, studierte mehrere Semester Südostasienwissenschaften und Völkerkunde an der LMU München.
Schon seit Jahren schreibt sie phantastische und zeitgenössische Erzählungen, die zunächst in den Publikationen der nicht-kommerziellen Presse erschienen sind. In den vergangenen Jahren w...

[Weiterlesen...]



[Zurück zur Übersicht]

Manuskripte

BITTE KEINE MANUS­KRIP­TE EIN­SENDEN!
Auf unverlangt ein­ge­sandte Texte erfolgt keine Antwort.

Über LITERRA

News-Archiv

Special Info

DORIAN HUNTER gehört zu den besten Horror-Hörspielserien auf dem deutschen Markt. Die Jubiläums-Folge 25 "Die Masken des Dr. Faustus" beweist dies einmal mehr auf eindrucksvolle Art und Weise. Die Trilogie gibt es einzeln, aber auch als Komplett-Box, inklusive Soundtrack.

Heutige Updates

LITERRA - Die Welt der Literatur Facebook-Profil
Signierte Bücher
Die neueste Rattus Libri-Ausgabe
Home | Impressum | News-Archiv | RSS-Feeds Alle RSS-Feeds | Facebook-Seite Facebook LITERRA Literaturportal
Copyright © 2007 - 2014 literra.info