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Die Ernten des Schreckens

DIE ERNTEN DES SCHRECKENS
Markus K. Korb

Atlantis Verlag
Roman - Düstere Phantastik
Klappenbroschur, 200 Seiten - 12.90 EUR
ISBN: 9783941258198
Okt. 2009
Status: Jetzt bestellen erhältlich

Im Vorwort zu den insgesamt elf hier gesammelten Geschichten distanziert sich der Autor Markus K. Korb von jeglicher Effekthascherei und macht ausdrücklich deutlich, das Krieg an sich schon schrecklich genug ist, als das er eine “Aufwertung” durch phantastische Elemente überhaupt Bedarf. In seinen Kurzgeschichten geht es dem Autoren darum, die Auswirkungen des Wahnsinns auf normale gewöhnliche Menschen aufzuzeigen. Das Spektrum seiner Geschichten reicht von den direkten Ereignissen an der Front über verhängnisvolle Zufälle bis zu den grausamen Leiden der Zivilbevölkerung im Hinterland der Frontverläufe. Markus Korb geht es nicht darum, phantastische Ereignisse vor dem Totentanz auf den Schlachtfeldern zu beschreiben, sondern seine Geschichten sollen auch ohne die möglicherweise übernatürlichen Elemente funktionieren. Die phantastische Komponente soll - wenn erfolgreich eingesetzt - eine Art Zubrot sein.

Markus Korb eröffnet die Sammlung mit der in den letzten Zügen des Zweiten Weltkriegs spielenden Geschichte “Fallhöhe”. Die deutschen und amerikanischen Truppen stehen sich in einer kleinen Ortschaft fast gegenüber. Am Kirchturm hängt an seinem Fallschirm ein amerikanischer Soldat, dessen Schirm sich vor mehreren Tagen an der Spitze verheddert hat. Scharfschützen auf beiden Seiten haben eine Rettung verhindert. In der Zwischenzeit ist der junge Amerikaner verstorben. Markus Korb beschreibt mit breitem Pinselstrich den naiven Idealismus der S.S. Offiziere, die mit Phrasen die Moral in der Truppe aufrecht zu erhalten suchen und den verzweifelten Versuch, diesem wahnsinnigen Krieg ein wenig Menschlichkeit abzugewinnen. Obwohl stilistisch ansprechend und atmosphärisch sehr intensiv geschrieben lässt sich die Pointe zu früh erkennen. Einen Gegensatz bietet auf den ersten Blick die gänzlich auf den letzten Satz hin konstruierte Geschichte “Die Rettung”. Vier Überlebende eines im Ersten Weltkrieg durch das Auflaufen auf ein Riff gesunkenen Schiffes werden vom einem Luxusliner gerettet. Im Vergleich zu den implizierten, aber nicht weitergehend erklärten phantastischen Elementen in “Fallhöhe” ist “Die Rettung” eine zynische, sehr geradlinige und realistische Geschichte. Markus K. Korb hat die zeitgeschichtlichen Fakten “nur” behutsam erweitert Auch “Im Namen der Dreifaltigkeit” steuert auf ein historisches Datum zu. Ein Kleinganove landet den großen Coup und flieht in die schier endlosen Wüsten New Mexikos, bis er sich in einer abgeschiedenen Hütte vor den Verfolgern und einem Sandsturm versteckt. Mit fatalen, aber in dieser Form für den Leser nicht vorauszuahnenden Folgen. Gleich strukturiert wie “Die Rettung” kümmert sich Marks Korb mehr um den wichtigsten Protagonisten und entwickelt die Figur überzeugend, bevor er sie im wahrsten Sinne des Wortes zu Staub zermahlen lässt.

Zu den aufrüttelnden, wenn auch plottechnisch weniger geschmeidig als effektiv konstruiert wirkenden Geschichten der Sammlung gehört sicherlich „Menschenmaterial“. Der Ich- Erzähler berichtet auf einer Fahrt in einem Viehwagon überfrachtet mit Menschen während des Zweiten Weltkriegs von seinen Erlebnissen in den Grabenkämpfen des Ersten Weltkriegs. Auf verhängnisvolle Weise verbinden sich nicht nur für den Erzähler, sondern Millionen anderer Menschen diese beiden Handlungsstränge bis zum offenen, aber nihilistischen Ende. Stilistisch sehr gut geschrieben gelingt es Markus Korb sicherlich auch aufgrund der umfangreichen Recherchen zum Leben/ Überleben in den Schützengräben, den dunklen, brutalen und doch auf eine abstoßende Weise auch faszinierenden Stoff sehr geradlinig und packend zu präsentieren. Inhalt und Hintergrund der Geschichten bilden eine sehr zufrieden stellende Mischung, ohne das Korb wie auch in einigen anderen längeren Texten der Sammlung auf unnötige phantastische Elemente zurückgreifen muss. Eine ähnliche Qualität weist bis auf das nicht zufrieden stellende und zu pathetische Ende „Eisenfresser“ auf. Er berichtet von der harten Arbeiter der Abwracker in einem asiatischen Land, die mit primitiven Schweißbrennern und harter körperliche Arbeit das Eisen für die Industrie aus den zahlreichen Schiffswracks holen. Souverän und intensiv beschreibt Korb auch von der atmosphärischen Seite her stimmig diese moderne Sklavenarbeit, welche sich die beiden befreundeten Ersten Schweißer nur unterwerfen, weil ihre Familien hungern. Als es darum geht, einen norwegischen Eisbrecher zu zerlegen, wird die Reise ins Innere des Schiffes zu einer Odyssee, die Lovecraft´sche Dimensionen annimmt. Wie schon eingangs erwähnt versucht Markus Korb anstatt auf ein Gruselende hinzusteuern, den Plot auf der letzten Seite in den Bereich der Science Fiction zu drehen und scheitert an seinen eigenen Ambitionen.
Sehr viel besser und genretypischer schließt der Autor seine längere Geschichte „Tunnelratten“. Ein Amerikaner meldet sich freiwillig, im Vietnamkrieg in den unterirdischen Tunnel der Vietcong nach dem Feind und verschwundenen Spürhunden zu suchen. Von einer Rückkehr an die Oberfläche abgeschnitten, bleibt ihm nichts anderes übrig, als in diese klaustrophobische und immer bedrohlicher werdende Welt einzudringen. Die Hoffnung auf ein Überleben schwindet mit jedem Gang und jeder Kammer mehr. Auf Augenhöhe verfolgt der Leser das immer düsterer werdende Geschehen. Ein weiterer Höhepunkt der Sammlung.
Markus Korb fehlt das Gefühl für Science Fiction Geschichten, wie auch einer der Schwachpunkte der Sammlung - „Die ultimative Waffe“ - unterstreicht. In einer fernen Zukunft leben die Menschen friedlich miteinander. Waffen und Videospiele sind abgeschafft. Nur im Museum steht als mahnendes Beispiel die ultimative Waffe, die natürlich Besessene, aus der gesellschaftlichen At gefallene schwache Existenzen anzieht. Stimmungstechnisch eher distanziert erzählt wirken die Dialoge gestelzt sowie unnatürlich überzogen und vor allem der Plot erinnert an ähnliche Geschichten aus der goldenen Pulpära.

Der längste Text der Sammlung „Ins dunkle Herz“ ist nicht nur titeltechnisch eine Hommage an Joseph Conrads berühmte Geschichte. Von Nero werden zwei römische Soldaten nach Afrika geschickt. Offiziell sollen sie die Quelle des Nils finden, in Wirklichkeit hat Nero ihnen noch einen zweiten Auftrag mitgegeben. Das Wasser aus der Quelle des Nils soll Unsterblichkeit verleihen. Die Reise wird wie Conrad eine Fahrt ins Ungewisse. Markus K. Korb nimmt sich sehr viel Zeit in Hinblick auf die Gesamtlänge des Textes, ein farbenprächtiges, dreidimensionales und sehr gut recherchiertes Bild des historischen Ägyptens und dessen Verhältnis zur Besatzungsmacht Roms und ihrer Soldaten zu entwerfen. Dabei begleiten die ausführlichen Beschreibungen den sich ruhig entwickelten Plot , ohne belehrend zu wirken. Warnungen und Hinweise, welche wohlwollende Einheimische den beiden befreundeten Soldaten auf den Weg geben, bewahrheiten sich oder werden für den Leser erst im dunklen Herzen Afrikas bei der Begegnung mit einem geheimnisvollen und eher an die Geschichtenwelt Henry Rider Haggards erinnernden Volk. Das Ende ist rasant und verlässt den bislang naturalistischen Rahmen des Textes. Die beiden Protagonisten sind solide, aber teilweise zu distanziert gezeichnet. Zusammengefasst ist „Ins dunkle Herz“ insbesondere bis zum zynischen Epilog eine lesenswerte Novelle, die auf einem hohen Niveau sowohl als allein stehende Arbeit als auch als eine weitere Variation der Conrad´schen Novelle überzeugt.

Stimmungsvolle Experimente wie „Das Dünenhaus“ mit drei Erzählperspektiven oder klassischer Horror wie „Meister Wieland“, in welcher alleine die Ich- Erzählerperspektive die Spannung gegen Ende des Plots ein wenig negiert, oder „Der Knochenturm“ mit seinem nihilistischen, aber vorhersehbaren Ende, aber unterhaltsam gestalteter Stringenz runden die Sammlung ab. Diese Geschichten zeigen Korb als einen überdurchschnittlichen Erzähler düster gotischer Phantastik, der mit dem Aberglauben, aber auch den Alpträumen seiner Leser spielt und gut strukturierte bis bösartig zynische Texte verfasst hat. Einige der Geschichten beinhalten keine phantastischen Elemente, was nicht zuletzt aufgrund der Thematik der Sammlung kein Nachteil ist. Nicht alle Texte handeln vom Krieg im engsten Sinne. Aber nicht selten impliziert Korb die Folgen des Kriegswahns - siehe „Im Namen der Dreifaltigkeit“ oder „Der Knochenturm“, wo sich eine dekadente Handvoll Adliger mit ihrem Gesinde vor den Schrecken einer Seuche als Folge eines Krieges (?) in ihrer Burg einschließen und für ihre Arroganz schließlich bestraft werden - und schlägt somit eine Brücke zum übergeordneten Thema der Sammlung. Sowohl von den Handlungsschaulätzen - der raue atlantische Ozean über das tiefste Afrika bis nach Vietnam - als auch den verschiedenen Zeiten - vom alten Ägypten insbesondere über das 17. Jahrhundert in Europa bis zum 20. Jahrhundert - bietet „Die Ernten des Schreckens“ ein dunkel abwechselungsreiches Spektrum. Im Vergleich zu Korbs erster Anthologie „Wasserscheu“ im Atlantis- Verlag eine nochmalige Steigerung. Nicht alle der insgesamt elf Geschichten können von der ersten bis zur letzten Zeilen überzeugen. Teilweise extrapoliert Korb die grundlegend solide Idee zu wenig oder variiert Handlungsschemata zu mechanisch. Aber insbesondere „Ins dunkle Herz“, „Menschenmaterial“, sowie „Im Namen der Dreifaltigkit“ und „Tunnelratten“ zeigen exemplarisch Markus Korbs Stärken und gehören zu seinen besten Kurzgeschichten bzw. Novellen. Der Atlantis- Verlag hat diese Kurzgeschichtensammlung mit einem dunkel stimmungsvollen und passenden Titelbild von Mark Freier und einigen verstörenden Innenillustrationen von Björn Ian Craig versehen. Eine empfehlenswerte Sammlung, welche dem Thema Krieg die notwendige Distanz entgegenbringt und auf jeder Seite förmlich herausschreit, das Krieg verabscheuungswürdiger Wahnsinn ist, der aus allen Menschen Tiere macht. Die Verrohung der Sitten zieht sich als mahnende Botschaft wie ein roter Faden mit unterschiedlicher Präsenz durch alle Geschichten und verbindet die einzelnen „Ernten des Schreckens“ zu einer uneingeschränkt empfehlenswerten Lektüre.



09. Jan. 2010 - Thomas Harbach

Der Rezensent

Thomas Harbach
männlich Deutschland

Total: 567 Rezensionen
Juli 2010: 6 Rezensionen


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