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Abschied von Weltraumopern

ABSCHIED VON WELTRAUMOPERN

Rainer Eisfeld
Buch / Sachbuch

Dieter von Reeken
Science Fiction als Zeitbild und Zeitkritik — Kommentare aus 25 Jahren
Mit einer Vorbemerkung von Wolfgang Jeschke und einem Beitrag von Jörg Weigand
Broschüre, 160 S., 22 Abb., davon 13 in Farbe, Drucknachweise, Personen- und Sachregister
17,50 € — ISBN 978-3-940679-47-5

Wolfgang Jeschke – sein Vorwort scheint nach den Quellenangaben am Ende des Buches eher aus verschiedenen Interviews und Artikeln zusammengestellt als für diese Essaysammlung geschrieben – führt den Leser nicht nur in die von ihm bevorzugte Science Fiction beginnend mit dem New Wave ein. Leider geht Wolfgang Jeschke ein wenig selbst verliebt erscheinend zu oft auf seinen letzten Roman „Cusanus Spiel“ ein. Rainer Eisfeld übernimmt das Zepter und beschreibt kurz wie pointiert seinen Weg zur Science Fiction – schon 2007 hat er mit „Die Zukunft in der Tasche“ die Anfänge des Science Fiction Fandoms in Deutschland beschrieben -, aber viel wichtiger seine auch in den Essays spürbare Aversion gegen reine Technikgläubigkeit im Allgemeinen und erstaunlicherweise die Raumfahrt im Besonderen. Mit dem Entstehen des „New Wave“ inklusiv eines neuen politischen Bewusstseins setzt für ihn die eigentliche Aufgabe der Science Fiction als kritische Reflektion und notwendige Extrapolation insbesondere sozialer Tendenzen ein, während Rainer Eisfeld neuere Entwicklungen des Genres inklusiv der nicht mehr mit den Ursprüngen zu vergleichenden barocken britischen Space Operas leider ignoriert werden. So wirkt die Sammlung von überwiegend in den Jahre zwischen 1983 und 2008 erschienenen Artikels wie in einem historisch interessanten Mikrokosmos positiv wie negativ gefangen. Das knallbunte Titelbild und die Betrachtung des Vaters der modernen Space Opera, wenn auch nicht der gegenwärtigen Science Fiction eröffnen und schließen den vorliegenden lesenswerten Band. Wenn Rainer Eisfeld davon schreibt, dass das Jahr 2008 veröffentlichte Essay über Hugo Gernsback mit ihm und seiner literarischen „Kunst“ aus nostalgischen gründen eher wohlwollend als rechtfertigend kritisch umgeht, verfehlt dieses Eingeständnis das angestrebte Ziel ein wenig. In den anderen Artikeln steht der Autor die Einordnung in den historischen Kontext weder jungen Forschern – Werner von Braun – noch Drehbuchautorinnen – Thea von Harbou insbesondere während in ihrer erst künstlerischen Schaffensperiode vor und im Ersten Weltkrieg – oder vielen in den vierziger und fünfziger Jahren schreibenden Science Fiction Autoren zu. Obwohl viele Themen wie die Indizierung von Norman Spinrads „Der stählerne Traum“ im Jahre 1983 nur von wenigen Lesern dieser Sammlung auf Augenhöhe verfolgt worden sind, entreißt die Vielzahl der ausschließlich nachgedruckten Artikel relevante wie zeitlose Ideen und Themen – alleine das Chad Oliver Portrait unterstreicht, welche Genrepotentiale inzwischen vergessen worden sind - der Vergangenheit. Rainer Eisfeld entpuppt sich als intelligenter durchaus reflektierender Kritiker, der allerdings in einigen Essays wie das Nachwort zur Neuauflage von Thea von Harbous „Frau im Mond“ ein wenig über das hehre Ziel hinausschießt.

Der erste Komplex ist die Auseinandersetzung um die Indizierung von Norman Spinrads satirischem Roman „Der stählerne Traum“ durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften im Jahre 1983 und die Aufhebung des Verkaufsverbotes vier Jahre später, nachdem sich der Heyne- Verlag durch alle gerichtlichen Instanzen gekämpft hat. Der Anthologieherausgeber und ZDF Journalist Jörg Weigand fasst die Ereignisse, an denen Rainer Eisfeld als Gutachter gegen eine Indizierung dieser offensichtlichen Satire beteiligt gewesen ist, im hier aus dem „Heyne SF Magazin 3“ nachgedruckten Essay „Hitler, Jaggar und die Folgen“ zusammen. Weigand zitiert sehr ausführlich die beiden Gutachter Eisfeld und Wachter, die gegen den Antrag des niedersächsischen Kultusministeriums auf Verbot des Buches Stellung nehmen. Aus heutiger Sicht mit den insbesondere auch rechtsradikalen Exzessen in Medien, an die in den achtziger Jahren noch nicht einmal gedacht worden ist, eine noch lesenswerte Diskussion, die aber auch zeigt, dass Weigand, Wachler und auch Eisfeld angesichts der hier präsentierten Zitate ein wenig zu Science Fiction „blind“ gewesen sind. Zu den Argumenten hinsichtlich des Verbots gehört das auch umstrittene Titelbild der Erstauflage – dieses wurde ja für die Neuauflagen ersetzt, wie der hervorragend wiedergegebene Bildteil in der Mitte der Sammlung reflektiert – sowie die provokanten Innenillustrationen. Auf diesen Punkt – der größte Unterschied zur amerikanischen Originalausgabe, auf welche sich anscheinend beide Gutachter beziehen – gehen alle drei Autoren weder direkt noch indirekt ein. Eisfeld argumentiert richtig, dass Spinrads Satire mit Hitlers angeblichen Science Fiction Roman als Kernstück nur als Einheit inklusiv des einleitenden Vorworts und dem Nachwort des fiktiven Herausgebers Spinrad betrachtet werden muss, in welchem der Autor die Exzesse des jungen überambitionierten Science Fiction Autoren Hitler relativierte. Weiterhin muss gesehen werden, dass auch Spinrads „Die Bruderschaft des Schmerzes“ beinahe auf dem Index für jugendgefährdende Schriften gelandet ist. Heute – so gut oder so schlecht die Gegenwart auch sein mag – wäre das Verbot sicherlich mit einer Verkaufbeschränkung ab 18 Jahren (also wie einige Comics unter dem Ladentisch ) zu umschiffen gewesen. Neben der Möglichkeit, die Jugend mit Jaggar – si heißt Spinrads bzw. Hitlers Held – zu verführen, gehen die Gutachter auch auf die Qualität eines Textes ein, da Kunst weniger leicht zu indizieren ist als oberflächliche Pulpliteratur. Bis auf die Ignoranz gegenüber der Gestaltung der deutschen Heyne- Taschenbuchausgabe sind Eisfeld wie auch Wachlers Argumente schlüssig, wobei Wachler einräumt, dass beeinflussbare Jugendliche Spinrads Buch sehr leicht missverstehen und die exzessiven, ganz bewusst übertriebenen Herrenphantasien gegenüber den Mutanten fehl interpretieren könnten. In Spinrads Buch überlebt Hitler/ Jaggar sogar einen Atomkrieg und schickt seine arische Herrenrasse schließlich als letzten Seitenhieb gegenüber der Science Fiction des Goldden Age zu den Sternen. Diese positive Bejahung der totalen Diktatur hat die Kritiker der Behörden aufmerksam werden lassen. Obwohl die Position der Indizierungsbefürworter – sicherlich keine Überraschung – im Vergleich zur negierenden Intention der Science Fiction Gemeinde insbesondere in Jörg Weigands Essay schwach bis nicht vorhanden herausgearbeitet worden ist, finden sich in diesem interessant geschriebenen und angesichts der gegenwärtigen Medienlandschaft fast bedauerlicherweise anachronistisch wirkenden Essay sehr viel diskussionswürdige Punkte, die sich auf Spinrads Werk im Besonderen und dessen schriftstellerische Qualitäten – zwischen Satire und Sendungsbewusstsein – im Allgemeinen beziehen. Die Aufhebung der Indizierung 1987 vergleicht Rainer Eisfeld in seinem kurzen, anschließenden Essay „Bert Brechts Glanz fällt auf Norman Spinrad: die Indizierung ist vom Tisch“ aus dem Jahr 1987 mit den Urteilen gegen einen Schausteller, der bei der Aufführung von Bert Brechts 1949 entstandener Parabel „Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy“ einer Handpuppe das Aussehen des damaligen Bundeskanzlerkandidaten Strauß gegeben und deswegen zu einer Geldstrafe verurteilt worden ist. Inzwischen ist die Grenze zwischen satirischen Kritik und den eigenen Persönlichkeitsrechten auf der einen Seite zum Wohle der Allgemeinheit dünner – siehe die letzten „Doktorarbeit“ Skandale -, auf der anderen Seite aber auch bei entsprechenden Verletzungen stringenter. Es ist schade, dass Rainer Eisfeld dieser inzwischen über 25 Jahre zurücklegenden Indizierung kein neues abschließendes Nachwort hinzugefügt hat, da insbesondere sein Vergleich von der Indizierung des „stählernen Traums“ mit den Urteilen bei der Strauß Persiflage eher wie ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen erscheint und weit über das ursprüngliche avisierte Ziel – viele Indizierungen insbesondere politisch satirischer antifaschistischer erscheinender Literatur sind extrem schwierig und nicht selten erscheinen Ziel und Weg nicht im Einklang – hinausschießt.
Im zweiten großen Block aus schon vorher insbesondere in Publikationen des Heyne- Verlags veröffentlichten Essays unter dem Titel „Die dunkle Seite von Raumfahrt und technischem Fortschritt“ (1989 bis 1994) setzt die hinsichtlich Rainer Eisfeld kritischen einleitenden Worten etablierte Tendenz weg von der aus der Sicht des Autoren goldenen politisch unkritischen bis faschistoiden Pulp Ära Space Opera zum New Wave fort. Stellvertretend sei hier das kurze, sehr pointierte Essay über Fritz Leibers „Expresszug nach Belsen“ genannt, in dem Rainer Eisfeld die Besonderheit der Horror Geschichte – allerdings expliziert auf die Ära bezogen, in der sie erschienen ist und weiterführende Strömungen des Genres bis in die Gegenwart nach aktualisierend – Leibers herausarbeitet und die realen Schrecken des Naziterrors im Allgemeinen und die Besonderheiten des Lagers Bergen- Belsen informativ herausarbeitet.
Über das eigentliche Ziel hinaus schießt Rainer Eisfeld dagegen in seinen Bemerkungen zu Fritz Langs und Thea von Harbous „Frau im Mond“. Der Autor arbeitet die unterschiedlichen Positionen konträr der allgemeinen Meinung heraus. Es lässt sich nicht mehr zwischen dem technokratischen Geist Fritz Langs und der deutschnationalen Ideologie von Harbous unterscheiden. Eisfeld vergleicht von Harbous originären Roman „Frau im Mond“ mit den Vorlagen in erster Linie sowjetischer Science Fiction Autoren und zeigt nachhaltig überzeugend auf, dass auch Fritz Langs damalige Ehefrau der Faszination der Technik erlegen ist. Er geht dann – leider nicht an die neusten Erkenntnisse der Langforschung angepasst – auf dessen Flucht aus Deutschland im Jahre 1933 ein, während Thea von Harbou im Land geblieben, einen Inder geheiratet und entgegen bisherigen Biographien erst 1940 eher aus Eigennutz des Überzeugung in die Partei eingetreten ist. Lang dagegen ist zwar ins Ausland gereist, konnte aber noch mehrere Jahre seine Wertgegenstände nachholen, was gegen einen gänzlichen Bruch mit dem System spricht. Nach einer Auseinandersetzung mit Langs utopischen Streifen „Metropolis“, an dessen Ende ursprünglich der Flug zum Mond stehen sollte, und „Frau im Mond“ schwenkt Rainer Eisfeld auf sein Lieblingsthema über: die Geburt der Raumfahrt aus den Vernichtungslagern des Zweiten Weltkriegs und den Vergeltungswaffen, die insbesondere in der letzten Kriegsphase in den unterirdischen Konzentrationslagern unter zumindest indirekter Aufsicht insbesondere Werner von Brauns gebaut worden sind. Es wirkt ein wenig zu dogmatisch überzogen, die Ende der zwanziger Jahre in einer zerbrechenden Weimarer Republik stattfindenden Dreharbeiten unter der technischen Assistenz von Oberths als Ausgangspunkt der späteren Raketen betriebenen Vergeltungswaffen zu sehen. Hier schießt Rainer Eisfeld über das Ziel hinaus. Die im vorliegenden Essay kurz zusammengefassten Fakten hinsichtlich der Verbindung insbesondere von Brauns mit den Vernichtungslagern hat er in seiner empfehlenswerten Studie „Mondsüchtig“ sehr viel expressiver und faktenreicher herausgearbeitet. Am Ende wirkt sein resignierendes Fazit zu polemisch, denn Deutschland cineastischer Fahrt zum Mond findet sicherlich ihren negativen Höhepunkt in den Exzessen des nationalsozialistischen Terrors, aber auch in der opportunistischen Haltung der amerikanischen Siegermacht, die sich aus dem politisch fragwürdigen Geistesmaterial das im Kampf gegen den Kommunismus Nutzenswerteste herausgefiltert und genutzt hat.
Wenn Rainer Eisfeld aber einen Menschen aufgrund seiner unnachgiebigen, politisch einwandfreien und doch progressiv neugierigen Haltung bewundert, wie es der in der dritten Abteilung integrierte Nachruf auf Carl Sagan unter dem passenden Titel „Es ist gut, dass wir von neuem staunen lernen...“ aus dem Jahr 1998, leben selbst die angesichts Sagans Todes geschriebenen Zeilen auf und der Sense of Wonder, welcher Rainer Eisfeld als Teeanger wie die meisten Leser zur Science Fiction gebracht hat, entsteht vor dem Auge des Betrachters.

Der Vergleich zwischen Ray Bradburys später in „Die Mars Chroniken“ integrierter Kurzgeschichte „Raketensommer“ und Nigel Kneales „Quatermass“ Serie in „Raumfahrt als Schreckensvision“ zeigt zwei Musterbeispiele technisch kritischer Haltung sowohl in den USA als auch Großbritannien. Beide Geschichten erschienen nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich die Grundhaltung gegenüber blinden technokratischen Fortschritt zu wandeln begann. Immer wenn Rainer Eisfeld eng am zu begutachtenden bis kritisierenden Objekt bleibt, lassen sich seine Essays zeitlos kritisch, sehr pointiert und erstaunlich Ziel führend lesen. Die implizierten Ähnlichkeiten beider Geschichte trotz unterschiedlicher Prämissen werden ausgezeichnet vergleichen und lassen diese beiden klassischen Geschichten zwar nicht in einem neuem Licht erscheinen, aber retten sie vor der Vergessenheit. Diesen zweiten Abschnitt beschließt die Reede angesichts der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Robert Jungk als Wissender anstelle des sozial blinden Fortschritts. Rainer Eisfeld imponiert, dass Jungk angesichts seines mannigfaltigen Werkes immer sich an roten Fäden orientiert hat, welche die Stellung des Menschen in einer technokratisch vorwärts strebenden Ideale wie Anstand, Moral oder Gewissen ignorierenden Welt nicht nur untersucht hat, sondern sein eigenes Bild mehrfach ohne Verlust von Autorität oder Persönlichkeit korrigiert. Diese offensichtlichen Brüche über mehrere Jahrzehnte in Jungks Werk machen ihn zu einem außergewöhnlichen Forscher und Theoretiker.

Der letzte Abschnitt „Die schwachen Feuer, die der Mensch entzündet“ – nach Chad Oliver – besteht überwiegend aus Nachrufen. „Die politischen Visionen A.E. van Vogts“ aus dem Jahre 1986 ist eine Zusammenfassung - aus der „SF- Times“ - des Vorworts bzw. Nachworts des Sammelbandes „Die Null A- Trilogie“ (Band 58 der auch heute noch anschaffenswerten Heyne SF Bibliothek). Rainer Eisfelds ungekürztes Essay ist hier eine elementare Lektüre. Zusammen mit dem ebenfalls publizierten Nachruf auf A.E. van Vogt in „Abschied von Weltraumopern“ arbeitet der Autor die herausragende Gedankenmodelle des Autoren mit überdurchschnittlich begabten „Übermenschen“ in politisch labilen Gesellschaftssystemen heraus. Obwohl bei van Vogts Charakteren immer die Gefahr einer Diktatur der Massen durch den Übergeist besteht, ragen seine politisch sozialen Elfenbeintürme wie auch seine von Ideen überfließende Science Fiction insbesondere der ersten Periode in den vierziger wie fünfziger Jahre derartig aus der Masse der Pulp Science Fiction heraus, dass Rainer Eisfelds gut, aber nicht zu euphorisch durchaus kritisch reflektierende Beiträge einladen, sich (vielleicht auch wieder) mit van Vogts Werk aus erster Hand auseinanderzusetzen.

Der persönlichste Nachruf gilt sicherlich Chad Oliver, in dessen beruflicher Karriere als Universitätsprofessor als auch seinem Weg vom streitbaren Fandomler über ein schmales signifikantes Science Fiction Werk bis zu den Ehren für seine drei Westernromane Rainer Eisfeld sehr viel von sich erkennt. Inzwischen liegen in den USA in zwei Sammelbänden alle von Chad Olivers Kurzgeschichten vor, so dass einer Wiederentdeckung dieses intelligenten wie ruhigen Beobachters und Chronisten der Menschheit nichts mehr im Wege steht. Jack Williamson hat das letzte Jahrhundert von den letzten Planwagentrecks, welche die Weiten der USA besiedelten, bis zur ersten Weltraumstation erlebt. Seine über einen unglaublichen Zeitraum von fast achtzig Jahren entstandenen Romane und Kurzgeschichten zeigen einen wachen nicht immer politisch allzu kritischen Geist, in dessen Mittelpunkt immer der Mensch gestanden hat. Obwohl Rainer Eisfeld nicht alles an dessen Werk schätzt, zieht er den Hut vor einem bis ins hohe Alter neugierigen Menschen, der mit seinen Romanen so viele Ausrichtungen der SF – von den vom Autoren kritisierten oberflächlichen Space Opera über den grenzenlosen Fortschritt relativierende Werke bis provokanten wie die geistigen Grenzen der Menschheit erweiternden Geschichten – mitgestaltet, wenn auch nicht immer mitgeprägt hat. Den Abschluss der vorliegenden Sammlung – bis auf die Quellenangaben und ein umfangreiches Register – bildet ein Artikel über Hugo Gernsback, der wohlwollender als manch andere Auseinandersetzung mit den Autoren des Golden Age ausgefallen ist, sowie den Beginn des westdeutschen Fandoms in ausgesprochen kompakter Form. Das der Text sehr viel unkritischer, ein wenig melancholisch geprägt ausgefallen ist, liegt unter anderem in der Tatsache begründet, dass Eisfeld Gernsback literarisches Werk komplett ignoriert, seine positiven unter Ausschluss der anscheinend auch vorhandenen kapitalistisch negativen Seiten als Herausgeber der ersten wichtigen Science Fiction Magazine herausstellt und in den Mittelpunkt seine persönliche Begegnung mit Gernsback in den Mittelpunkt des Essays stellt, sowie kurz und knapp die Geschichte des deutschen „Hugo“ Preises zusammenfasst. Die Fakten und Anekdoten hat Rainer Eisfeld sehr viel ausführlicher in seinen exemplarischen Erinnerungen an die SF der fünfziger Jahre „Die Zukunft in der Tasche“ schon zusammengefasst. Aus diesem Grund wirkt der weniger akademisch, sondern warmherzig geschriebene Artikel eher wie eine Überleitung zu „Die Zukunft in der Tasche.“

Wie schon angesprochen werden die Essays aus fünfundzwanzig Jahren – nicht immer passt der Untertitel „Science Fiction als Zeitbild und Zeitkritik“ – von zahlreichen teilweise farbigen Bildern begleitet. Die Artikel lassen sich alle sehr gut lesen und unterstreichen Rainer Eisfelds umfangreiches Hintergrundwissen. Sie zeigen den Autoren als durchaus kritischen Geist, der aber zu oft die entsprechenden Sujets aus ihrem historischen Kontext löst und als isoliertes Phänomen in einer Art intellektuellem Elfenbeinturm betrachtet und ihr Aufgaben aufbürdet, welcher diese in erster Linie immer noch als Unterhaltungsliteratur zu betrachtende Romane nicht gerecht werden können. Selbst die von ihm favorisierten New Wave Autoren haben sich mehr oder minder direkt den Marktgesetzen unterworfen und konnten ihr Geld außerhalb des Genres – Brian W. Aldiss, James Ballard – verdienen. Unabhängig von der Position, welche der Leser Rainer Eisfeld und seinen Essays gegenüber einnimmt, liegt der Vorteil der vorliegenden Sammlung im erneuten Zugang zu interessanten Artikeln, in denen der Autor ausgesprochen positiv eine sehr stark begründete Meinung vertritt, an der sich der Leser in diesen heute allzu stromlinienförmigen Zeiten immer noch reiben kann.

02. Jun. 2011 - Thomas Harbach

Der Rezensent

Thomas Harbach
Deutschland

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