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Die Jenseitsapotheke

DIE JENSEITSAPOTHEKE

Frank W. Haubold (Hrsg.)
Anthologie / Fantasy

edfc

Taschenbuch, 288 Seiten

Dez. 2006, 1. Auflage, 19.25 EUR

Es ist nicht nur die Jahresanthologie 2006 mit insgesamt fünfundzwanzig Geschichten in erster Linie deutscher und einiger europäischer Autoren. Es ist die 200. Ausgabe des Magazins „Fantasia“ des „Ersten Deutschen Fantasy Clubs“. Gabriele Behrend hat die von Frank W. Haubold zusammengestellten Geschichten illustriert. Das Spektrum reicht wie in den bisherigen Bänden vom Mystery über die Satire bis zur klassischen Space Opera. Zusammen mit „Nova-SF“ und den von Helmuth Mommers zusammengestellten „Visionen“ stellt die Jahresanthologie trotz der geringsten Werbung die wichtigste Plattform zur Veröffentlichung von Kurzgeschichten in Deutschland dar.

Michael Siefeners „Die Rückkehr“ eröffnet den Reigen der Geschichten mit einer stimmungsvollen, an H.P. Lovecrafts WEIRD TALES angelehnten Story, die allerdings als Gesamtwerk betrachtet die gelungene Atmosphäre nicht in eine adäquate Handlung integrieren kann. Armin Rößlers „Sturmreiter“ ist die routiniert geschriebene Geschichte einer Begegnung zwischen zwei Rassen Die Idee von Menschen/ Fremden , die auf jeglicher Art von überdimensionalen Vögeln bis zu Drachen reiten ist leider nicht mehr originell und es bedarf eines sehr guten Autoren, daraus noch eine packende originäre Geschichte zu schaffen. Der erste Höhepunkt der Sammlung ist Heidrun Jänchens „Eine Vierteilstunde Sonne“, die Geschichte einer Begegnung mit einem Engel, die schließlich zu einer einseitigen Liebe, einer Obsession wird und in einer Verzweifelungstat endet. Dabei gelingt es der Autorin insbesondere gegen Ende des kurzen Textes, die Emotionen ihrer Protagonistin überzeugend und eindringlich in Worte zu fassen. „Der Wolkentreiber“ ist eine dieser kurzen Episoden, die auf einer skurrilen, sehr einfachen Idee basieren. Dimitrij Makarow und Erik Simon werden nicht unbedingt aufgrund dieses Geschichtsfragments im Gedächtnis der Leser bleiben, nur aufgrund ihrer Idee. Deutlich länger und schwieriger in ihrer Intention zu greifen ist Anke Laufers „Die Chronistin von Chateaurox“. Die Mischung aus Legende und Utopie, aus Geschichte und Bericht stimmt. Aber dem Leser fällt es sichtlich schwer, ihren Gedanken zu folgen. Zu Beginn baut sie ihren Text fast phlegmatisch auf, das Ende ist überstürzt und lässt ganz bewusst, aber unbefriedigend zu viele Fragen offen. Es konnte sich aber lohnen, aus dieser längeren Geschichten die Essenz in eine Novelle zu übertragen. Viele gute Ideen sind vorhanden. Christian Schmitz Medien- Satire „Jackson-Gate“ ist eine sehr gute Abrechnung mit der selbst geschaffenen All- und Kontrollmacht der Medien. Es ist vielleicht auf den ersten Blick befremdlich, wenn die Geschichte in den eher vertrauten, verschlafenen Hallen des ZDFs spielt, aber auf einer interessanten Grundlage – das Fernsehen braucht nach der Timberlake- Jackson Affäre Moralhüter, die bei den um zehn Sekunden verzögerten Liveübertragungen im entscheidenden Augenblick eingreifen können – entwickelt er eine phantastische Vision, in welcher die Kopien ein Eigenleben entwickeln. Hartmus Kaspers „Die Jenseits- Apotheke“ ist eine melancholische Kurzgeschichte, die sprachlich sehr einfach, aber effektiv gestaltet, die einzigartige Atmosphäre heraufbeschwört, die viele von Ray Bradburys Geschichten auszeichnet. Jasmin Carows „Der Schattenprinz“ wirklich zu kritisieren verbietet sich anlässlich des sehr frühen Tods der Autorin im Mai 2006. Frank Haubolds Nachruf zeigt die Ähnlichkeiten zwischen der Autorin und der Protagonistin der Geschichte beklemmend deutlich auf. Jennifer Schreibers „In der Dunkelheit Edens“ ist ein kurzes Fragment, das entweder seine Leser ja nach Stimmung sofort gefangen nimmt oder abschreckt. Matthias Falks „An der großen Marina“ ist eine intensive Geschichte, in deren Plot der Leser aber nie ganz einsteigen kann. Ein stimmungsvoller Auftakt, ein offenes Ende und dazwischen ein gut geschriebener Text, der aber als Geschichte seine Leser nicht unbedingt vollständig befriedigt. In Briefform erzählt Stephan Peters in „Mein lieber Rene“ eine relative einfach gestrickte Gruselgeschichte, deren Plot und Auflösung vorhersehbar erscheinen. Auch Wilko Müller jr präsentiert sich in „Das Großvater- Paradoxon“ nicht in Bestform. Die Idee, dass eine zu schwermütige Manipulation der Zeitströme die Welt bzw. den verursachenden Zeitreisenden in einer ewigen Zeitschleife gefangen nehmen, wird durch den eigentlichen Plot negiert. Da hilft auch nicht der Hinweis auf die sich selbst heilende Zeit. Nach dem soliden Auftakt hätte sich Müller mehr Raum in Bezug auf die Zeitreise nehmen sollen, das wirkt zu abrupt aufgesetzt und geschrieben. Mit der zweiten Zeitreisegeschichte der Sammlung – „Das Jesus-Attentat“ von Achim Stößer – wird die Thematik der Veränderung der Zeitströme noch erweitert. Nach einem gelungenen Auftakt mit dem wahrscheinlich ersten tödlichen Unfall mit Fahrerflucht der menschlichen Geschichte handelt Stößer allerdings seine Vision der neuen Erde zu kompakt ab. Hier wäre es sinnvoller gewesen, einzelne Episoden dreidimensionaler und vor allem umfangreicher abzuhandeln, der Epilog schließt den Auftakt der Geschichte. Obwohl von seiner Grundidee ausgehend nicht besonders originell – jede Zeitreisegeschichte um Jesus Christus hat es schwer – ist die Extrapolation gut zu lesen. Silke Rosenbüchlers „Erbsünden“ beschäftigt sich mit dem auch in der näheren Zukunft schwelenden Generationenkonflikt. Die Idee dahinter liest sich gut, die Ausführung ist solide, nur die Auflösung zu plump und seltsam kontraproduktiv. Alexander Ambergs „Eva“ enthält keine phantastischen Elemente. Es ist die Geschichte eines Mannes, der im Suff einen Unfall verursacht hat und seine Lebensgefährtin getötet hat. Es ist die Geschichte eines Reporters, der einer Bau- Mafia auf die Spur kommt. Niemand will die Story wirklich lesen, die Mafia hat schlagkräftige Argumente, die allerdings zu einem sehr unglücklichen Zeitpunkt im Leben des Protagonisten geäußert werden. Warum Alkoholiker mit Selbstmordtendenzen und einer dunklen Vergangenheit sich so häufen – sie auch „Mein lieber Rene“ – ist eine Frage, die eine Untersuchung wert wäre. Ambergs „Eva“ enthält weder neue Ideen noch eine originelle Ausführung. Christel Schejas Geschichte „Die Stadt der Träume“ um Kinderarbeit liest sich gut, der Plot kann den Leser aber nicht packen und mitziehen. Irgendwo baut sie mit ihrer Struktur – es gibt eine Traum- und eine Realitätsebene – eine Distanz zwischen dem Leser und dem Protagonisten auf. Vielleicht wäre es sinnvoller gewesen, diesen ausführlicher zu charakterisieren, um eine effektivere Sympathieebene aufzubauen. Die Bulgarin Natalie Andreeva steuert mit „Eros hinter dem Vorhang“ eine atmosphärisch dichte Mischung aus Gegenwartsgeschichte und alter Sage bei. Um in cineastischen Worten zu sprechen, erweckt ihre gut geschriebene Kurzgeschichte Erinnerungen an Filme wie „Pandora and the flying Dutchman“ oder „Malpertius“, die Mischung entwickelt sich erst im Laufe der sehr kompakten Handlung, die tragischen Elemente werden erstaunlich sachlich dargestellt. Eine sehr gut zu lesende Story und einer der Höhepunkte dieser Anthologie. Charlotte Engmanns „Um Kopf und Kragen“ leidet unter einer Prämisse, die in den verschiedensten Inkarnationen schon seit Jahrzehnten durch die phantastische Kurzgeschichtenlandschaft geistert, während Volker Groß Weird Fiction Geschichte „Audio!“ zwar ein vorhersehbares Ende ihr Eigen nennt, über weite Strecken allerdings eine groteske, fast surrealistische Atmosphäre erzeugt und fesselnd erschrickt. Der Herausgeber Frank W. Haubold steuert mit Der Tausendäugige“ eine klassische Space Opera bei. Nicht umsonst widmet er sie Alfred Elton van Vogt. Charakteristisch für dessen Geschichte ist die geteilte Handlungsebene, der Zuschauer kann das Geschehen aus der Perspektive der Raumschiffmannschaft verfolgen, die in einer Sperrzone eine entvölkerte Welt plündern möchte und gleichzeitig aus der Sicht eines intelligenten, bösartigen und geheimnisvollen außerirdischen Wesens, das es auf das Schiff abgesehen hat. Der Beginn der Geschichte ist routiniert, aber solide aufgebaut, es finden sich zwar nicht viele neue Ideen in der Exposition, aber Haubold drückt beim Leser die richtigen Tasten. Das Ende der Geschichte ist überhastet, zu konstruiert. Der Mittelteil spannend geschrieben. Eine durchschnittliche Geschichte, die allerdings stilistisch gut in Szene gesetzt worden ist. „Ein Fest der Einzelteile“ aus der Feder Stefan Pfisters ist eine gut zu lesende Groteske, die ihre Faszination aus der im Grunde absurden Situation bezieht, dass plötzlich menschliche Körperteile ein Eigenleben beginnen. Die Erklärung ist rückblickend offensichtlich und nicht so effektiv, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Wolfgang G. Fienholds „Ein kurzer Zwischenbericht der Evolution“ ist dagegen eine kurzweilig – sie ist mit knappen vier Seiten auch sehr kurz – sehr gut zu lesende Satire. Vom ersten Satz an hat der Autor seine Leser auf seiner Seite und entlässt sie mit dem Hinweis, dass Aussterben manchmal besser als rammeln ist. Sabine Mehlhaffs „Der Spielmann“ ist eine gut geschriebene Geschichte, deren Thema – der moderne Rattenfänger von Hameln, der dieses Mal nach den Ratten die zweite Plage mancher Männer, die Frauen, aus der Stadt treibt – leider allzu bekannt und viel zu schnell erkennbar ist. Malte S. Sembtens Facette „Verbrechen aus Leidenschaft“ gehört leider in die gleiche Kategorie, die Idee ist aus unzähligen Gruselschinken bekannt, nur wer das Opfer ist, bleibt der offenen Schlusspointe überlassen. Niklas Peineckes „Sternzerstörer“ beinhaltet keine Schlachten zwischen den fernen Sternen, es ist ein „Fight Club“ der anarchistischen Studentenrevolution, salopp mit einem Hauch Arroganz geschrieben und gut zu lesen.

Das Spektrum der vielen hier versammelten Kurzgeschichten reicht von der klassischen Space Opera bis zu Weird Fiction. Bei dieser Themenbreite wird für jeden Leser ausreichend Material vorhanden sein. Die Qualität der Storys ist dagegen uneinheitlich. Viele der Autoren sind zwar keine richtigen Newcomer mehr, aber auch (noch) keine Profis. Dabei sind die Geschichten zumindest sprachlich und stilistisch auf einem erstaunlichen Niveau, es hackt bei einigen der Geschichten an der Originalität und vor allem an interessanten Pointen. Nicht selten enden die Handlungsbögen im wahrsten Sinne des Wortes im Nichts, manchmal nützt das offene Ende auch nicht mehr viel, da das vorangestellte Geschehen uninteressant ist. Eine Handvoll sehr guter Geschichten ragen allerdings aus der Sammlung heraus und lohnen den Erwerb dieser ambitionierten Anthologie. Die Käufe sollten dem bemühten Herausgeber Frank W. Haubold die Unterstützung geben, die er auf seinem sicherlich nicht einfachen Weg benötigt.
Eine interessante Ergänzung zu dem regelmäßig erscheinenden „Nova“ – auch wenn die Qualität wie beim NOVA Magazin sehr schwankend ist und vor allem eine empfehlenswerte Alternative zu Helmuth W. Mommers „Visionen“.

20. Jun. 2007 - Thomas Harbach
http://www.sf-radio.net/buchecke/science_fiction/i...

Der Rezensent

Thomas Harbach
Deutschland

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