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Manni Decox rettet das Hirschkalb

LITERRA-ONLINE-SERIE: DIE DECOXE LITERRA-ONLINE-SERIE: DIE DECOXE

1. Episode von Tanya Carpenter


Tief im Dunkelwald, wo kein Mensch jemals hinkommt und die Welt noch in Ordnung ist, leben die Decoxe. Du weißt nicht, was ein Decox ist?
Ein Decox ist ein scheuer Waldbewohner. Die niedlichen Tierchen leben in kleinen Gemeinschaften zusammen. Ihre Höhlen liegen meist unter großen Baumwurzeln, reichen ganz tief in die Erde hinein und sind durch viele, viele Gänge verbunden. An diesen Gängen befinden sich die Gemeinschaftshöhlen. Lagerräume für die Vorräte, der Decox-Kindergarten und die Decox-Schule und sogar die Decox-Polizeistation. Aber die hat so gut wie nie etwas zu tun, weil die Decoxe friedliche und ehrliche Gesellen sind. Sie helfen sich gegenseitig, wo sie nur können. Und niemals würde ein Decox einen anderen im Stich lassen, wenn dieser in Not geraten wäre. Und auch sonst kein Tier im Wald. Decoxe sind immer hilfsbereit und darum sehr beliebt.
Das ungeschulte Auge mag sie zuweilen mit kleinen Waschbären verwechseln, weil sie ein ebenso schwarz-weiß gestreiftes Gesicht und kleine schwarze Knopfaugen besitzen. Doch Decoxe haben eine viel längere Nase und außerdem tragen sie stets blaue T-Shirts. Hast du etwa schon mal einen Waschbär mit blauem T-Shirt gesehen? Nein! Und wenn doch, dann war es bestimmt ein Decox.

Szenentrenner


Manni Decox gähnte herzhaft und kratzte sich unter der Decke an der Fußsohle. Da kam er gerade so gut hin. Denn Decoxe schlafen immer mit angezogenen Beinen. Die drücken sie ganz fest an ihren Bauch. So schläft es sich gemütlich.
Die Sonne schien durch ein kleines Loch in der Baumwurzel über seiner Schlafhöhle und kitzelte ihn an der Nase.
„Aufwachen, Manni! Es ist Zeit“, schien sie zu sagen.
Dabei hatte Manni gerade so schön geträumt. Von den blauen Fliegenpilzen. Die waren sein Leibgericht. Nur schade, dass sie in seinem Garten nicht richtig wachsen wollten. Die roten schmeckten einfach nicht so gut.
Ob er wohl heute Mittag noch mal in den Stollen von Bodo Decox gehen sollte? Der wohnte nämlich in einer Goldmine. Und weil er selbst schon so reich war, ließ er alle Decoxe gern in seiner Mine nach Gold graben. Was man fand, durfte man behalten. Gold war die bevorzugte Währung der Decoxe. Neben Eicheln, Tannenzapfen und Glühwürmchen. Ja, genau, Glühwürmchen. Die waren nämlich die Lichtquelle der Decoxe. Und darum sehr begehrt. Wer viele Glühwürmchen hatte, konnte auch im Dunkeln noch Bücher lesen, oder Socken stricken oder einer anderen Tätigkeit nachgehen. Die Decoxe pflegten ihre Glühwürmchen sorgsam, damit sie lange lebten und gesund blieben.
Manni hatte ein großes Glas mit Glühwürmchen. Aber die wollte er nicht hergeben. Weil er doch so gerne bis spät in die Nacht die Nase in seine Bücher steckte. Dazu brauchte er so viele Glühwürmchen.
Aber wenn Manni genug Gold fand, konnte er sich zum Abendessen ein paar blaue Fliegenpilze im Decox-Supermarkt kaufen und sich daraus eine leckere Mahlzeit zubereiten, die er sich beim Lesen schmecken ließ. Ja, das war eine gute Idee.
Er schlug die Decke zurück und sprang aus dem Bett. Schnell das blaue T-Shirt angezogen, man musste ja ordentlich aussehen, wenn man unter die Leute ging, und dann gleich in den Garten. Die Waldrüben mussten gedüngt werden und die Libellenblumen brauchten auch mal wieder Wasser.
Auf dem Weg nach draußen begegnete er Lisa Decox, seiner Nachbarin. Die war schon über hundert Jahre alt. Sagte man zumindest. Ob das wirklich stimmte, wusste niemand. Nicht mal der alte, weise Uhu. Und der war fast genauso alt, wie Lisa.
Zum alten Uhu gingen die Decoxe immer dann, wenn es Unstimmigkeiten gab, oder wenn sie einen Rat brauchten. Uhu hatte schon die ganze Welt gesehen und wusste einfach alles. Er lebte in dem großen Baum, mitten im Dunkelwald und ruhte fast den ganzen Tag. In der Nacht flog er dann oft aus dem Wald und jagte Mäuse auf den Feldern und Bauernhöfen. Zum Glück kamen die Menschen, die auf diesen Höfen wohnten, nie in den Dunkelwald hinein. Die Decoxe mochten sie nämlich nicht besonders. Die waren immer so laut. Und außerdem rochen sie etwas streng.
Lisa grüßte und winkte. Sie war immer freundlich. Auf ihren Weidenstock gestützt kam sie zu Manni hinüber.
„Guten Morgen, Herr Nachbar. Na, auch schon so früh auf den Beinen.“
„Freilich, freilich.“ Manni nickte. „Muss doch in den Garten. Nach dem Rechten sehen.“
Er schwenkte seine blaue Mütze und eilte weiter. Wenn er noch zur Mine wollte, dann musste er sich beeilen, denn erst war sein Gemüse dran.
Den halben Morgen jätete er Unkraut, düngte die Fliegenpilze, pflegte die Wildmöhren und trug Wasser vom Brunnen zu seinen Libellenblumen. Noch ein paar Tage, dann würden sie blühen. Wenn es soweit war, wollte er Lilo Decox einen Strauß bringen und fragen, ob sie mit ihm einmal spazieren gehen wollte. Manni hatte Lilo sehr gern. Vielleicht wäre sie ja sogar einverstanden, in seine Höhle zu ziehen. Dann wäre er nicht mehr so oft allein.
Aber dann schüttelte Manni traurig den Kopf. Bestimmt würde Lilo nicht mit ihm spazieren gehen und schon gar nicht in seine Höhle kommen. Sie mochte starke Decoxe. So wie Willi Decox. Der hatte Muskeln wie ein Wildschwein und arbeitete bei den Holzmachern. Er war ein richtig starker Decox. Da konnte Manni einfach nicht mithalten.
Manni seufzte. Aber trotzdem würde er Lilo die Blumen bringen. Nur, um ihr eine Freude zu machen. Er wusste, dass sie Libellenblumen liebte.
Gegen Mittag war seine Arbeit im Garten verrichtet und er machte sich auf den Weg zur Mine. Ein leckerer Eintopf mit blauen Fliegenpilzen würde ihn sicher aufheitern und von Lilo ablenken. Als er durch den Sumpf ging, der zwischen dem Decox-Dorf und Bodos Mine lag, hörte er auf einmal jemand rufen.
„Hilfe! Zu Hilfe! So hilf doch jemand.“
Manni blieb verwundert stehen. Die Stimme klang fremd. Er hatte sie noch nie gehört. Und er kannte doch alle Bewohner von Dunkelwald. Egal! Da war jemand in Not, also würde er helfen. Er folgte den Rufen und kam zu einer Hirschkuh, die fürchterlich weinte und am Rande des Sumpfes auf und ab lief. Sie war keine Dunkelwaldbewohnerin. Das erkannte Manni sofort. „Entschuldigung, Frau Hirschkuh. Ich bin Manni Decox. Ich habe Sie rufen gehört. Kann ich Ihnen helfen?“
Die Hirschkuh blieb stehen und blickte verwundert auf Manni hinab. „Bist du ein Waschbär?“, fragte sie.
Manni lachte. „Nein, ich bin ein Decox. Aber wir werden häufiger verwechselt. Sie sind wohl nicht von hier, werte Dame?“
Die Hirschkuh schüttelte den Kopf. „Wir sind erst gestern angekommen. Der Wald ist uns noch fremd. Und da ist es plötzlich passiert.“ Sie schluchzte wieder.
„Was denn?“, fragte Manni.
„Na da!“, antwortete sie und deutete auf den Sumpf. Gut drei Meter vom Ufer ragte ein kleiner brauner Kopf aus dem Morast. Das Hirschkalb hatte am Rand des Sumpfes gespielt und war dann in seinem Übermut zu weit hinausgelaufen. Nun sank es mit jeder Minute tiefer ein. Es hatte schon keine Kraft mehr, gegen den Sog zu kämpfen und steckte schlapp im tiefen Schlamm.
„Oh je!“, sagte Manni. „Das werden wir allein nicht schaffen.“
Mama Hirsch ließ betrübt den Kopf sinken. Sie konnten nicht zu ihrem Kalb laufen, weil sie dann selbst eingesunken wären. Aber wenn sie nicht bald etwas taten, würde ihr Baby sterben.
„Ich hab’s“, sagte Manni und schnippte mit dem Finger, um seine Idee zu bekräftigen.
„Was denn?“ Mama Hirsch schöpfte neue Hoffnung.
„Im Sumpf wohnt Erwin Kroko. Der kann sich prima darin bewegen. Vielleicht kann er dein Kalb wieder rausschieben.“
Die Hirschkuh erschrak. Ein Krokodil? Das würde ihr Baby doch sicher eher fressen, als es zu retten. Nein, nein. Auf keine Fall. Und ihre Sorge wuchs, dass jetzt nicht nur der Sumpf das Leben ihres Kindes bedrohte, sondern auch noch ein Krokodil, von dem sie bisher nichts geahnt hatte. Aber Manni konnte sie beruhigen. Erwin Kroko war Vegetarier und hatte noch nie ein Hirschkalb gefressen. Er verschluckte höchstens mal aus Versehen einen der Frösche im Sumpf. Aber auch die spuckte er dann wieder aus. Fleisch lag ihm einfach sehr schwer im Magen. Da waren ihm die Blätter und das Schilfgras deutlich lieber. Und erst die Butterblumen, die er von Decoxen immer bekam. Die waren eine Delikatesse.
Manni rief nach Erwin und das Krokodil kam sofort ans Ufer. Auch wenn Manni beteuert hatte, dass Erwin ungefährlich war, wich die Hirschkuh doch zurück.
„Was gibt’s Manni?“, brummte er mit seiner tiefen Kroko-Stimme.
„Frau Hirschkuh ist in Sorge um ihr Kind. Baby Hirsch ist beim Spielen in deinen Sumpf geraten und steckt jetzt fest. Siehst du?“ Er deutete zum Kalb hinüber.
„Ah ja, ich sehe es. Na, das sollten wir doch hinbekommen“, meinte Erwin zuversichtlich und schwamm hinüber. Das Hirschkalb war so schwach, dass es sich noch nicht einmal fürchtete.
„So, mein Kleiner. Halt schön still“, meinte Erwin und tauchte unter das Kalb. Er schob seinen großen Kopf unter dessen Bauch und begann zu drücken. Sein langer Schwanz schlug dabei kräftig von einer Seite auf die andere, aber das Kalb bewegte sich einfach nicht. Es steckte zu fest. Nach mehreren erfolglosen Versuchen gab er schließlich auf und kehrte zum Ufer zurück.
„Alleine schaff ich das nicht. Wir brauchen mehr Hilfe.“
In dem Moment kam ein Jaguar um die Ecke getrottet und schlenderte zu den Dreien hinüber.
„Hilfe, ein Raubtier!“, rief die Hirschkuh sofort und wollte flüchten.
„Ach!“, wiegelte Manni ab. „Das ist doch nur Thomas Fleck. Der tut nichts.“
„Nicht?“, fragte die Hirschkuh ungläubig.
Thomas musterte die neue Nachbarin gründlich und verzog seine Schnauze dann zu einem charmanten Lächeln. Nun, jedenfalls charmant für eine Katze. Für eine Hirschkuh glich es einem Zähnefletschen. Aber bevor die Angst die Oberhand über Mama Hirsch gewinnen konnte, verbeugte sich Thomas tief vor ihr. Schließlich war er ein Gentleman. „Gestatten, Fleck! Thomas Fleck! Stets zu Diensten, Werteste. Und wie ist Ihr Name, wenn ich fragen darf?“
Soviel Höflichkeit verwirrte die Hirschkuh. Noch dazu von einem ihrer Erzfeinde.
„Susi. Susi Hirsch“, beantwortete sie die Frage des Jaguars. Schließlich hatte auch sie gute Manieren.
„Sehr erfreut, Frau Susi. Und wo liegt nun hier das Problem?“, erkundigte sich Thomas.
Manni weihte ihn kurz in den Stand der Dinge ein. Dass das Kind von Susi Hirsch drohte, im Sumpf zu versinken und Erwin Kroko es alleine nicht herausbekam.
„Mhm!“, machte Thomas. „Wir brauchen ein Stück Holz. Möglichst flach.“
„Vielleicht mein Gartentor“, bot Manni sofort an.
„Ja, das könnte gehen. Holen wir es schnell.“
Um Zeit zu sparen und weil Thomas ja viel flinker war, als Manni, durfte er sich auf den Rücken des Jaguars setzen. Schnell wie der Wind erreichten sie seinen Garten. Das Tor war rasch aus den Angeln gehoben und mit einer kräftigen Schlingpflanze an Thomas’ langem Schwanz befestigt. Hoppla-hopp waren die beiden mitsamt ihrer Last wieder am Sumpf. Vorsichtig schob Thomas das Brett über den sumpfigen Untergrund. Mit seinem Schwanz konnte er es bis fast zum Hirschkalb drücken.
„Also“, sagte er zu Erwin, „du schiebst von unten und ich ziehe von oben.“
„Aber bitte, nicht weh tun mit den scharfen Zähnen“, bat Susi Hirsch noch.
„Keine Sorge, Werteste“, beruhigte sie Thomas. „Ich weiß, was ich tue.“
„Er ist auch Vegetarier“, flüsterte Manni Susi zu, denn ihm war klar, dass sie sich sorgte, der Jaguar könne doch Appetit auf zarten Hirschbraten bekommen.
Gespannt blieben die beiden am Ufer stehen und sahen Thomas und Erwin zu, wie sie Baby Hirsch aus dem Sumpf holten. Thomas fasste das Kitz behutsam im Nacken und zog, während Erwin wie zuvor unter den Bauch schwamm und drückte. Es gab ein schmatzendes Geräusch und ‚Plopp!’ lag das Kalb neben Thomas auf dem Gartentor. Erwin drückte seine Schnauze gegen das Holz und brachte beide sicher ans Ufer zurück. Auch das Gartentor war noch heile, nur ein bisschen schmutzig.
„Mein Baby!“, rief Susi aus und machte sich sofort daran, ihren kleinen Ausreißer sauber zu schlecken. Nach einem kräftigen Schluck Milch aus Mamas Euter ging es ihm auch schon wieder besser und er stand nicht mehr ganz so wackelig auf den Beinen.
„Lecker!“, meinte Thomas. „So ein Schluck Milch wäre jetzt wirklich nicht schlecht.“
„Aber bitte, das ist doch kein Problem. Für soviel Heldenmut“, meinte Susi.
Ganz sicher konnte man es nicht sagen, aber es schien zumindest so, als würde Thomas um seine feuchte Nase herum ein kleines Bisschen rot.
„Was ist denn hier los?“, fragte eine helle Stimme hinter ihnen. Nun war es Manni, der errötete. Kam doch da gerade Lilo, seine heimlich Angebetete, zwischen den Büschen hervor. In der Hand einen Korb mit blauen Fliegenpilzen und einer Schale.
„Diese wunderbaren jungen Männer haben gerade mein Baby gerettet“, meinte Susi Hirsch und stupste sowohl Manni, als auch Erwin und Thomas mit der Nase an. Verlegen senkten die Drei ihre Köpfe.
„Wirklich? Na, dann habt ihr euch aber eine kleine Stärkung verdient“, meinte Lilo und packte ihre Korb aus. Sie schüttete die Pilze in die Schüssel und Susi Hirsch gab etwas von ihrer Milch dazu. Dann ließen es sich alle schmecken. Nur das Hirschkalb sprang schon wieder übermütig um sie herum.
„Ich wusste ja gar nicht, dass du so ein Held bist“, flüsterte Lilo Manni ins Ohr. „Wollen wir morgen zusammen spazieren gehen?“

Peter Wall
Peter Wall
© http://www.picturewall.eu

LITERRA-ONLINE-SERIE: DIE DECOXE
Beitrag vom 10. Mai. 2012


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