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Manni hilft dem kleinen Engel

LITERRA-ONLINE-SERIE: DIE DECOXE LITERRA-ONLINE-SERIE: DIE DECOXE

3. Episode von Tanja Bern


Die Dämmerung legte sich wie mit schützenden Flügeln über das Land. Wald und Berge verharrten still im herabfallenden Schnee und die kleine Stadt schmiegte sich an die weißen Hügel. Der zarte Engel mit dem goldenen Haar saß auf einem verschneiten Baum und lugte über die Tannenspitze. Neugierig blickte er auf die Menschen, die auf dem Weg zur Kirche waren.
Ob sie ihm helfen könnten? Das Engelmädchen hatte sich verirrt. Oder besser gesagt, es war zu vorwitzig gewesen. Immer weiter hatte es sich in diese andere Welt gewagt – obwohl das nur große Engel dürfen! – und schwupps, saß es im Schnee und wusste nicht, wie es zurückkehren sollte. Das Tor zur Erde war offen gewesen, weil die anderen Engel heute am Heiligabend den Menschen besonders halfen. Jetzt war es verschlossen.
„Anneli, du bist so ein dummer Engel!“, schalt sie sich selbst.
Die Tannenspitze bog sich weiter vor und Anneli hielt sich am stacheligen Stamm fest. Ihre Flügel bewegten sich nur träge, es war viel zu kalt für sie. Anneli rutschte ab, flatterte verzweifelt und plumpste in den weichen Pulverschnee.
Viel zu kalt, dachte sie zitternd und kletterte mühsam aus der Kuhle, die sie durch den Sturz in den Schnee gewühlt hatte.
Anneli erinnerte sich, dass der Engel Ina´el einmal von einem Wärmezauber gesprochen hatte, damit die Flügel nicht einfroren, denn man brauchte sie, um das Tor zum Himmel zu öffnen. Anneli war noch nicht so weit, dass sie Zauber aussprechen konnte. Und wie man es öffnen konnte, wusste sie schon gar nicht.
Dicke Tränen rollten aus ihren himmelblauen Augen und sie schlang hilflos ihre Arme um sich.
„Warum weinst du?“, piepste eine kleine Stimme neben ihr.
Anneli sah nach unten und entdeckte eine Maus, die schielend zu ihr hinauf sah. Ihr Fell schien aus Plüsch zu sein und ihre Ohren zuckten. Auf der Nase saß eine Schneeflocke, die langsam taute.
„Ich … ich kann nicht … nach Hause“, schluchzte Anneli.
„Warum gehst du nicht dort zu den Menschen. Die helfen dir bestimmt“, antwortete das kleine Tier, das wie eine Flauschkugel im Schnee saß.
„Die sehen mich doch nicht! Nur die Kinder. Und denen glaubt keiner.“
„Mmh“, machte die Maus. „Das ist wirklich blöd. – Was ist denn mit deinen Flügeln passiert?“
Anneli sah hinter sich und konnte halb erkennen, dass ihre wunderschönen durchsichtigen Flügel traurig herabhingen. Die älteren Engel hatten ein feines Gefieder auf der glitzernden Flügelhaut, aber Anneli war dafür noch viel zu jung. Ihre Flügel waren völlig ungeschützt.
„Du hast so ein schönes dickes Fell. Ich wünschte, das hätte ich auch“, murmelte sie.
Die Maus trippelte auf der Stelle und dachte nach. Plötzlich schien sie eine Idee zu haben. Ihre Kulleraugen schauten zu Anneli hinauf. „Ich bring dich zu Manni! Der weiß bestimmt Rat. Komm!“

Szenentrenner


Manni lugte aus seiner Höhle, die sich zwischen dicken Baumwurzeln befand. Der Abend breitete sich wie ein schützender Schatten aus. Schnee fiel in dichten Flocken vom Himmel und versperrte immer mehr den Zugang. Der kleine Decox hätte über diese Tatsache schimpfen können, bald würde er alles freischaufeln müssen. Das tat er aber nicht – er grinste. Schnee war etwas Wunderbares. Man konnte in dem reinen Weiß toben und sich mit Schneebällen bewerfen. Er würde mit Lilo einen Schneedecox bauen und noch vieles mehr. Manni fror auch nicht. Sein Unterfell war so dicht geworden, dass sich sein blaues T-Shirt eng um seinen Körper spannte.
Manni sah sich weiter um. Willi Decox half der alten Lisa von gegenüber. Mit angespannten Muskeln ebnete er ihr einen Weg durch den Schnee. Sie trippelte mit ihrem Weidenstock aus der Höhle und blickte lächelnd auf die Flocken, die in der Luft tanzten.
Decoxe liebten Schnee. Jung und Alt sehnten sich in jedem Herbst danach und konnten kaum genug davon bekommen. Die bunten Blätter, die von den Bäumen segelten, waren wundervoll. Doch dies hier? Unvergleichlich!
Lilo, Mannis beste Freundin, lugte hinter ihm hervor und schnupperte. „Riechst du das? Der Duft der Weihnacht zieht bis in unseren Wald.“
„Dann ist es soweit? Wir führen unsere Glühwürmchen aus?“, fragte Manni.
„Ja!“
Manni und Lilo liefen zurück in die Wohnstube. Behutsam nahm er das große Glas mit seinen Glühwürmchen, die ihm in der Dunkelheit als Leuchtquelle dienten, und griff vorsichtig hinein. Sein Lieblingsglühwurm Tinchen kam auf seinen Finger gekrabbelt. Sie mochte es, nah bei ihm zu sein und war völlig zahm.
Manni hatte die Gläser der Leuchtkäfer wunderschön gestaltet. Sie hatten echtes Gras, winzige Blumen, die Manni sorgsam pflegte, und einen kleinen Baum, in dessen Zweigen sie sitzen konnten. Alles war in Miniaturausgabe und sehr pflegebedürftig, aber den Decoxen waren ihre Glühwürmchen auch sehr wichtig.
Tinchen mochte am liebsten im Zimmer umherfliegen und Manni ließ sie gewähren. Schließlich brauchten Glühwürmchen genügend Auslauf. Heute, am Heiligabend, hatten sie eine besondere Aufgabe.
Manni band eine zarte Schnur um den Leib des Leuchtkäfers, Lilo tat es mit einem ihrer Würmchen gleich. Sie ließen sie fliegen, so lang wie ihre Leine war, und gingen hinaus. Draußen warteten bereits viele andere Decoxe.
Überall hörte man Getuschel und Geraune. Die Decoxkinder kicherten, einige Glühwürmchen verhedderten sich mit ihren Schnüren und mussten befreit werden. Der Schnee fiel wie Wattewölkchen vom Himmel.
Lisa trat vor und stützte sich schwer auf ihren Weidenstock. Sie lächelte und gab das Zeichen.
Die kleinen Leuchtkäfer zirpten und ihr sanftes Licht flammte auf. Überall glühten nun Goldfunken und ließen die Schneekristalle aufglitzern.
Die Decoxe seufzten zufrieden und führten ihre winzigen Haustiere spazieren. Der Wald war erfüllt von geheimnisvollen Leuchtpunkten, die mit den Eisfeen um die Wette tanzten.
Manni erspähte eine von ihnen bei Tinchen und gab ihr mehr Schnur. Das Glühwürmchen wirbelte vergnügt mit der winzigen Fee, die in den Flocken fast unsichtbar wirkte, weil sie ebenso weiß war.
Manni bemerkte zuerst nicht, wie Trudi, die kleine schielende Maus, ihn am Fell zupfte.
„Maaanniii!“, piepste sie.
Der Decox wandte sich ihr zu. „Hallo Trudi, was ist denn?“
„Tut mir leid, dass ich euer Weihnachtsleuchten störe, aber da braucht jemand dringend Hilfe.“ Trudi zeigte zum Waldrand.
Manni blickte verblüfft auf die helle Gestalt, die zitternd und mit hängenden Flügeln neben einer Tanne stand und mit verweinten Augen auf das Schauspiel blickte.
„Ist … ist das ein Weihnachtsengel?!“
„Wenn, dann ist es ein sehr kleiner und unerfahrener“, antwortete die Maus und schniefte leise.
Manni ging zu Lilo. „Kannst du Tinchen kurz halten?“
„Klar! Und warum?“
Manni zeigte zu dem kleinen Engelmädchen. Lilo schaute erstaunt zu ihr hinüber.
Der Decox lief mit Trudi zu dem zitternden Bündel. „Hallo! Magst du dich bei uns aufwärmen?“
„Dddas wwäre sehr li-lieb“, antwortete der Engel, der kaum größer war als Manni. Er zitterte so sehr, dass er kaum sprechen konnte.
Manni führte das Mädchen in seine Stube nah ans Feuer und wickelte es in eine Wolldecke.
Dann setzte er sich zu ihm. „Bist du einer der Weihnachtsengel? Und was ist mit dir passiert?“, fragte er wissbegierig.
Langsam schien sich das Engelmädchen aufzuwärmen. „Ich heiße Anneli und ja, ich bin ein Weihnachtsengel. Aber … aber ich bin noch klein und … und dürfte gar nicht hier sein.“ Sie schluchzte leise. „Ich habe mich verlaufen, weil ich so neugierig war und jetzt weiß ich nicht, wie ich nach Hause komme.“ Tränen kullerten aus ihren hübschen Augen, die von dunklen Wimpern umrahmt waren.
„Oh je, was können wir denn da machen? Eigentlich kann da doch nur ein anderer Engel helfen, oder?“
In diesem Augenblick kam Lilo mit den beiden Glühwürmchen herein. Tinchen schien eine neue Freundin gefunden zu haben, denn Kristi, eine der Eisfeen, tanzte und scherzte noch mit ihr herum. Die winzige Fee schaute sich unbehaglich um, ihre weiße Haut errötete und ihre Flügel wurden plötzlich sehr schlaff. Manni konnte die Kleine gerade noch auffangen.
„Es ist hier viel zu warm für dich!“, mahnte der Decox, trug die Fee zur Tür und setzte sie in eine Schneewehe.
Ihre Stimme ertönte wie ein leises Glöckchen: „Ich würde so gern noch mit Tinchen spielen.“ Die Fee schüttelte den Pulverschnee ab, ihre Flügel begannen zu glitzern und richteten sich wieder auf. Die Kälte behagte ihr mehr, das sah man sofort.
Tinchen flog auf Mannis Schulter und schaute sehnsüchtig zu der Eisfee.
„Wenn du möchtest, kannst du hier vorne noch mit ihr spielen“, sagte Manni zu ihr und band die Schnur los. Er wusste, dass Tinchen niemals fortfliegen würde.
Er wandte sich um und betrachtete verwundert seine kleine Freundin Trudi, die fasziniert die Eisfee beobachtete.
„Manni!“, piepste die Maus. „Das ist es!“
Der Decox verstand nicht recht, was Trudi meinte.
„Die Eisfeen kennen die Engel der Weihnacht!“, erklärte Trudi. „Sie könnte einen der Großen finden und herbringen! Dann kann Anneli nach Hause!“
Manni und Lilo sahen sich überrascht an. Das hatten sie nicht gewusst! Sofort wandte er sich an die zarte Fee. „Liebe kleine Fee, könntest du uns einen Gefallen tun?“
Kristi schaute auf.
„Trudi sagt, du kennst die Engel der Weihnacht?“
Die Fee nickte.
„Könntest du einen der großen Engel suchen und ihn bitten herzukommen? Wir brauchen seine Hilfe.“
Kristi und Tinchen sahen sich an. Manni erkannte, dass sein Glühwürmchen ebenfalls auf ein solches Abenteuer gehen wollte. Er sorgte sich um sie, denn Tinchen war die Kälte nicht gewohnt. Der Leuchtkäfer sah aber so bittend zu ihm auf, dass Manni seinen Wunsch nicht abschlagen konnte. Kristi und Tinchen surrten schließlich zwischen den tanzenden Flocken davon.

Szenentrenner


Tinchen flog hinter Kristi durch den glitzernden Schnee. Ohne die Führung der Eisfee würde sich das Glühwürmchen sicher rasch verfliegen. Dafür konnte sie Kristi mit ihrem Licht leiten.
Nach einiger Zeit sahen sie die kleine Stadt der Menschen. Alle Fenster waren hell erleuchtet, die Tannenbäume an den Straßen mit Lichtern geschmückt und Lieder erklangen aus einem großen Gebäude, das ein spitzes Dach besaß.
Ein Junge saß im Schnee und wirkte ein wenig wütend. Tinchen erspähte sogleich den Engel, der bei ihm wachte. Die beiden Freundinnen flogen näher heran. Die Lichtgestalt sprach zu dem Kleinen, dennoch sah und hörte er den Engel nicht. Trotzig trat er gegen einen Schneehaufen und schimpfte vor sich hin.
Was hat er nur?, fragte sich das Glühwürmchen.
Kristi flog unbemerkt zu dem Engel und flüsterte etwas in sein Ohr. Seine gütigen Augen hefteten sich auf Tinchen. Aufmerksam hörte er der Fee zu und nickte. Der Engel legte kurz seine Hand auf die Schulter des Jungen. Dieser schien sich zu beruhigen. Tinchen konnte spüren, wie sein Zorn verflog und er nachzudenken begann. Dann breitete der Engel seine Flügel aus und war mit einem Wimpernschlag bei ihr.
„Komm in meine Hand, kleiner Leuchtkäfer, du zitterst ja schon“, bot der Engel an.
Dankbar schlüpfte Tinchen in die wärmende Handfläche. Geschwind waren sie wieder in dem Decoxdorf. Sofort flog Tinchen zu Manni, der wartend im Schnee verharrte. Sichtlich erleichtert begrüßte er seine kleine Freundin. Staunend blickte er den hohen Engel an.
Anneli lugte vorsichtig aus der Tür. Sie schien ängstlich zu sein. Würde sie Schimpfe bekommen?
Der Engel breitete die Arme aus. „Ich habe dich schon gesucht, kleine Anneli!“
„Ina´el!“ Das Engelmädchen flog in seine Arme und Ina´el legte schützend seine flaumigen Flügel um Anneli.
„Vielen Dank!“, hauchte sie zu Manni und den anderen.
Ina´els Flügel begannen zu glühen, ein Tor aus Licht erschien und die Engel traten mit einem Lächeln durch die Pforte.
Tinchen verabschiedete sich von Kristi und freute sich auf morgen, wenn sie mit der Fee erneut in den Flocken tanzen durfte. Jetzt freute sie sich auf Mannis wärmende Stube.
Später saß Tinchen müde in ihrem Glas und ließ sich auf einem Ast des kleinen Baumes sanft hin und her schaukeln. Ihr Licht flackerte und Manni legte sein Buch zur Seite.
„Abenteuer machen müde, was?“, fragte er sanft. „Geh ruhig schlafen, Tinchen, das Licht vom Feuer lässt mich noch ein paar Buchstaben erkennen.“
Zufrieden hüpfte Tinchen zu den anderen Leuchtkäfern, die schon leise schnarchten. Sie rollte sich ein, schloss die Augen und träumte von Watteflocken, die mit ihr tanzten.

Peter Wall
Peter Wall
© http://www.picturewall.eu

LITERRA-ONLINE-SERIE: DIE DECOXE
Beitrag vom 22. Dez. 2012


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